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Es war einmal ein Feld, das war so groß, dass man gar nicht sagen konnte, wie groß es war. Egal in welche Richtung man schaute, man sah immer nur den endlosen Horizont. Eines Tages kam ein Mann und errichtete auf dem Feld ein Haus. Erst den Boden, dann die Außenwände mit Türen und Fenstern und dann das Dach. Danach malte er es von außen und von innen weiß an und ging weg, um seine schwangere Frau zu holen. Das Haus wachte in der Zwischenzeit zum ersten Mal auf und wunderte sich: „Nanu? Wer bin denn ich?“ Das Haus war ja ganz frisch und wusste deshalb noch nicht, wer oder was es war. Und es grübelte eine gute Weile darüber nach, bis der Mann mit seiner Frau zurückkam und zu ihr sagte: „Das ist das Haus für unser Kind, das bald auf die Welt kommt!“ Da sagte sich das Haus: „Ach ja! So ist das! Ich bin ein Haus… Ein Haus für ein Kind!“ Die Frau sagte zum Mann: „Lass uns noch viele Wände im Haus hochziehen, damit wir mehrere kleine Zimmer haben für unsere vielen Dinge und Bedürfnisse.“ Da teilte der Mann das Haus in viele kleine Räume auf.

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Das endlose Feld, auf dem das Haus stand, war erstaunt über das Haus und sagte: „Wer bist du?“ und schaute durch die Fenster ins Innere hinein. Das Haus sagte zum Feld: „Ich bin ein Haus für ein Kind. Siehst du den Kleinen? Es malt gerade Bilder an die Wände der Räume. Manche Bilder sind schön, dann sagt seine Mutter: gut gemacht! Andere Bilder sind lieblos und diese versucht die Mutter wegzuwischen, doch die Farbe geht nicht weg. Und der Vater sagt zum Kind: Du wirst einmal ein großer Künstler! und dann lacht er.“ Von nun an sagte das weite Feld nichts mehr und beobachtete das ganze Geschehen nur noch.

Die Jahre vergingen und das kleine Kind wurde zu einem großen Jungen. Oft hörte man laute Schreie des Protests im Haus und es gab viel Streit. Eines nachts malte er die Wände einiger Räume schwarz und grau an, lehnte sich gegen seine Eltern auf und hasste das Haus. Er fühlte sich nämlich nicht mehr ganz so wohl in diesem Gebäude, das seine Eltern nur für ihn gebaut hatten. Und er räumte sein Zimmer nicht mehr auf, obwohl seine Mutter ihn immer wieder darum bat.

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Es vergingen noch mehr Jahre und aus dem Jungen wurde ein Erwachsener. Mittlerweile hatte er sich mit seinen Eltern wieder versöhnt. Und da seine Eltern nun endlich im Frieden mit ihm waren, konnten sie in Ruhe sterben. Was blieb, waren ihre Zimmer. Der junge Mann beschloss, ein paar Wände einzureißen, um die Räume miteinander zu verbinden. Und die großen Räume, die langsam entstanden, gefielen ihm so sehr, dass er beschloss, nur noch die Außenwände des Hauses stehen zu lassen. Dann hing er die Bilder auf, die er sein Leben lang im Haus gemalt hatte und eröffnete eine Galerie, damit man ihn als großen Künstler anerkannte.

Er wartete, doch niemand kam zur Eröffnung der Galerie, denn es waren ja alles nur gewöhnliche Bilder von einem Kind oder einem jungen Erwachsenen, die keinen interessierten. Da beschloss der Mann weiter zu arbeiten und schönere Bilder zu malen. Als erstes baute er jedoch größere Fenster in die Wände des Hauses. Auch in das Dach setzte er ein riesiges Dachfenster, damit mehr Licht ins Innere fiel. Durch diese Verbesserungen wurden seine Bilder tatsächlich schöner. Doch er war noch immer nicht ganz zufrieden und so sagte er sich eines Tages: „In diesem Haus kann ich nicht mehr arbeiten, es ist zu eng und es ist zu wenig Licht hier. Ich werde es abreißen.“ Das Haus hörte das und erschrak. „Warte!“ sagte es mit zittriger Stimme, „wenn du mich zerstörst, wirst du keinen Ort mehr haben, um Auszuruhen. Der Regen wird dich durchnässen und deine ganzen Werke werden vom Wind fortgetragen!“ Der Mann wunderte sich ein wenig, dass das Haus sprechen konnte. Er sagte voller Mitgefühl: „Du hast Recht! Hab keine Angst, ich werde dich nicht abreißen. Aber ich habe eine andere Idee!“ Er ersetzte alle Türen durch Glastüren und auch die massiven Wände seines Hauses tauschte er mit Wänden aus klarem Glas. Sogar vom Dach nahm er die dunklen Ziegel und baute durchsichtige Glasziegel ein, so dass das Haus am Ende nur noch aus Glas bestand. Nun kam von jeder Seite Licht ins Innere und man konnte von jeder Stelle hinein- und hinaussehen. Das Haus war entzückt und überglücklich, sich in so einem wunderbar leichten und neuen Gewand wiederzufinden.

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Und das endlose Feld, das all die Jahre das Treiben in völliger Stille betrachtete, sah durch das Haus hindurch und sah sich selbst – mal fein spiegelnd, mal brechend wie ein Mosaik und ab und an ganz klar, als ob es durch magische Luft sah, die ihm die Sinne schärfte. Der Künstler erkannte, dass das endlose Feld sich selbst betrachtete und er staunte über diesen Anblick. Er sagte zum Haus: „Wundervoll, du bist mein Meisterwerk!“ Von diesem Tag an malte er nur noch Bilder aus Luft und Glas.

J.