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Jonam (hebräisch: Geschenk von Gott)
Joonam (persisch: Mein Leben)


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Es war an einem regnerischen Frühlingstag, als die Leute Jonam fanden. Sie nahmen ihn mit ins Haus und steckten ihn in einen Käfig aus glänzenden Eisenstangen. „Jetzt bist du in Sicherheit, kleiner Vogel!“ Jonam war erleichtert, dass die Leute sich um ihn kümmerten.

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So vergingen die Tage und Jonam gewöhnte sich an den Käfig. Wenn draußen die Sonne schien und die bunten Schmetterlinge am Fenster vorbeiflogen,sehnte er sich manchmal danach, wieder draußen zu sein. An regnerischen Tagen war er jedoch sehr froh, dass sein neues Zuhause ihn vor dem Unwetter beschützte. Denn Jonam hatte große Angst vor dem Regen und dem Gewitter. Und je mehr es draußen stürmte, desto mehr Angst hatte er.

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Jonam wuchs und wurde immer kräftiger. Bald war er so groß, dass er den ganzen Käfig ausfüllte. Nun wurde es richtig eng für ihn. Also streckte er seinen Hals und schob seinen Kopf durch die Gitterstäbe. Bald folgten auch die Flügel und seine Füße. An einem besonders schönen Sommertag beschloss Jonam aus dem Haus zu gehen. Also so was! Damit hatte keiner gerechnet.

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Die Leute in der Stadt machten große Augen. „Aber Jonam! Wie siehst denn aus!“ riefen sie und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Jonam verstand die Welt nicht mehr. „Ihr habt mich doch in den Käfig gesteckt! Und jetzt lacht ihr mich aus?“ Da ging er wieder schnell nach Hause.

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An sonnigen Tagen schaute Jonam aus dem Fenster und beobachtete die Schwalben. Dann sagte er immer:

Ach, wie muss das schön sein – da oben!
Dem Himmel so nah!

An verregneten Tagen schloss er das Fenster, verkroch sich zitternd unter seine Bettdecke und wartete bis das Wetter besser wurde. Nachts, wenn der Himmel sternenklar war und alle in der Stadt schliefen, machte er seine Flugübungen auf der Straße. Die Leute lachten ihn inzwischen nicht mehr wegen seines Käfigs aus, den er wie ein Kleidungsstück trug. „Aber vielleicht lachen sie wieder, wenn sie sehen, wie ich auf den Schnabel falle“, dachte er. Deshalb übte er nur in der Dunkelheit, wo ihn keiner sehen konnte. Doch alle seine Flugversuche blieben erfolglos, denn das Metall des Käfigs war viel zu schwer. Und außerdem fliegt es sich im Dunkeln nicht besonders gut (wenn man nicht gerade eine Fledermaus ist).

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Viele Jahre vergingen und Jonam wurde immer grauer und schwächer, so dass er seine nächtlichen Flugübungen schließlich aufgab. „Alter Jonam, warum bist du so traurig?“ fragte das kleine Nachbarsmädchen an einem sonnigen Herbstnachmittag. „Dieser verdammte Käfig ist daran schuld! Mein größter Wunsch war es zu fliegen, damit ich dem Himmel so nah sein kann. Doch dieser Käfig! Er hat mich nicht gelassen!“ Er berührte die Eisenstangen und eine Träne kullerte über seine Wangen. Als das Mädchen das sah, musste sie daran denken, wie traurig sie einmal gewesen ist, als ihre Katze nicht mehr vom Baum runter konnte. „Geh doch zum Feuerwehrmann!“, rief sie plötzlich „Der kann Leuten aus der Patsche helfen!“ Und sie gab Jonam ein Taschentuch.

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„Hallo, Feuerwehrmann!“ sagte Jonam, „kannst du mir helfen? Dieser Käfig muss weg!“ Der Feuerwehrmann trug immerzu einen Helm, weil er Angst hatte, ein großer Ziegelstein könnte ihm auf den Kopf fallen. „Ich bin ein Mann von Tat und helfe immer gern.“ sagte er und packte den Bolzenschneider und die große Metallsäge aus seinem Koffer. Jonam erschrak. „Ich glaube, das ist keine gute Idee.“ sagte er, „ Damit wirst du mich doch sicher verletzen! hast du denn kein feineres Werkzeug?“ „Leider nicht, aber geh‘ doch mal zur Frau Doktor, die hat so etwas!“ sagte der Feuerwehrmann. Jonam fand, dass das eine gute Idee war und bedankte sich.

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„Hallo Frau Doktor!“ sagte Jonam, „kannst du mir helfen? Dieser Käfig muss weg!“ Frau Doktor trug immerzu Gummihandschuhe, damit niemand sie mit einer bösen Krankheit anstecken konnte. „Ich habe viel Erfahrung mit komplizierten Operationen und mein Spezialwerkzeug hat schon viele Probleme gelöst!“ sagte sie und setzte ihr Skalpell an, um die Gitterstäbe durchzuschneiden. Aber es klappte nicht und hinter der dicken Brille wurden ihre Augen zu kleinen Schlitzen. „Ich glaube, dein Käfig ist viel zu hart ist für meine Messer. Es tut mir leid, aber in deinem Fall ist guter Rat teuer!“ Jonam bedankte sich höflich und ging.

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Auf dem Weg nach Hause kam er an einem jungen Straßenmusiker vorbei, der auf einer kleinen Flöte spielte. Jonam blieb stehen und hörte sich das Lied bis zum Schluss an. Das freute den Musiker, denn die meisten Leute hatten keine Zeit dafür. Jonam fragte ihn: „Wo hast du gelernt so schön zu spielen?“ Der Flötenspieler sagte: „Es war mein größter Wunsch, Musik zu machen, die das Herz berührt. Ich suchte unentwegt nach jemandem, der sie mir beibringen könnte. Und dort oben auf dem Berg habe ich meinen Lehrer schließlich gefunden!“ „Mein größter Wunsch war es, dass mein Käfig verschwindet. Denn er hat meinen Traum zerstört, dem Himmel so nah zu sein!“ sagte Jonam, der alle Hoffnung verloren hatte. Der Musiker überlegte nicht lang. „Geh auf den Berg! Dort gehen Wünsche in Erfüllung! Aber du musst jetzt gehen! Später wird es zu spät sein!“ Jonam blickte in den Horizont und sah den Berg. Ein neues wunderbares Lied erklang aus der Flöte. Da fasste Jonam neuen Mut und machte sich sofort auf den Weg.

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Eine Stunde nachdem Jonam aufgebrochen war, zogen dunkle Wolken auf. Er fing an, sich Sorgen zu machen, dass es anfangen würde zu Regnen. Obwohl er schon so alt war, war Seine Furcht vor Unwettern immer noch sehr groß. Er überlegte zurückzugehen und sein Glück ein anderes mal zu probieren. Da erinnerte er sich an die Worte des Flötenspielers. Jetzt oder nie! Später wird es zu spät sein! Die Wanderung dauerte sehr lange und der Himmel wurde immer dunkler. Als es zu tröpfeln begann musste Jonam seinen ganzen restlichen Mut zusammenkratzen. Der Gipfel war schon zum Greifen nah. Es fing an zu gießen. Nur noch ein paar Schritte…

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Jonam war an der Spitze angekommen. Erschöpft und völlig durchnässt sah er sich um. Er schaute nach Osten und nach Westen. Er schaute nach Norden und nach Süden. Er schaute nach oben und schließlich auf den Boden auf dem er stand. „Aber hier ist ja nichts! Gar Nichts!!!“ schrie er und viel auf die Knie. Da donnerte es. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Jonam heulte und wimmerte: “Ohje, jetzt ist es aus mit mir!“ So allein und verlassen hatte er sich sein ganzes Leben nicht gefühlt.

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Da machte es Knicks! und Knacks! Die Stangen des Käfigs färbten sich rostbraun. Sie wurden rau und bröselig. Sie zerfielen in kleine Teile, und ehe sich Jonam versah, waren vom Käfig nur noch tausend winzige Krümel übrig, die allmählich wie schmelzende Schokolade im Boden verschwanden.

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Jetzt verstand Jonam die Welt wirklich nicht mehr! Er sagte: „Als ich noch klein war, hab ich mich im Käfig sicher gefühlt, ganz besonders als es draußen stürmte und tobte. Doch heute… Heute ist der Regen mein Freund! Er hat mich von diesem seltsamen Gefängnis befreit!“ Jonam lachte und tanzte mit den Tropfen, die vom Himmel fielen. Er streckte seinen geöffneten Schnabel in die Höhe, um die Tropfen zu fangen, doch diese lachten auch, flogen wie ein wildes Feuer um ihn herum und spielten mit ihm.

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Jonam war nicht mehr wütend auf den Käfig. Vielleicht würde er das Fliegen nun doch noch lernen. Vielleicht aber auch nicht. Jonam lächelte. Ihm war das eins. Denn schließlich war auf dem Berg sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen:

Er war dem Himmel so nah.

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J.