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Es war einmal ein riesengroßer gigantischer Planet auf dem es keine Grenzen gab und auch keine Länder, außer einem einzigen. Dieses Land sah von außen aus wie ein geschlossener Schuhkarton und war in etwa genauso groß. Im Inneren war es jedoch wie eine Markthalle in der es nur so vor sich hin wuselte. Hier lebte das Volk der Geschäftsmänner. Diese grauen Geschöpfe waren klein wie Ameisen und, wie der Name schon sagt, sehr geschäftig. Sie handelten mit allen möglichem Krimskrams, das ihnen in die Hände fiel und versuchten dann damit möglichst viel Profit zu machen. Im Leben der Geschäftsmänner gab es nichts besseres, als einen guten Handel abzuschließen, denn jeder von ihnen wollte immer mehr besitzen als der andere. Außerdem umtrieb jeden das Gefühl, dass stets irgendeine Sache noch zu seinem persönlichen Glück fehlte und das war es, was sie zusätzlich antrieb. Es gab die verschiedensten Arten von Geschäftsmännern: die Warenhändler, die Perlenverkäufer, die Informationsverticker, die Platzverleiher, die Großaktionäre, die Geldhersteller und viele mehr.

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Dann gab es noch Herr Grau. Er wusste nicht so genau, wie man Sachen billig kaufte und gewinnbringend verkaufte und deshalb (das ahnte er) würde er bald das Zeitliche segnen. „Aber bevor ich ins Gras beiße, möchte ich mir eine Tür kaufen, durch die ich gehen werde!“ sagte Herr Grau. Er liebte Türen, und durch seine ganz eigene Tür zu gehen – das war schon immer sein größter Wunsch gewesen. Er kratzte sein ganzes restliches Vermögen zusammen, besorgte sich die Werbeprospekte und Kataloge aller Türhändler und studierte sie genau. Es gab Türen aus massivem Holz, die schwer zu öffnen waren, aber hinter denen sich dann ein großer Schatz befand. Es gab Falltüren aus Stein, auf die man sich im Schneidersitz setzen musste und die sich dann nach einiger Zeit ganz von alleine öffneten. Es gab stählerne Türen, die für immer verschlossen waren und welche aus Luft, durch die man ohne jegliche Anstrengung gehen konnte. Dann gab es natürlich noch knallbunte elektrische Türen aus Plastik oder aus billiger Schokolade, die meistens im Sonderangebot waren. Aber solche Türen interessierten Herr Grau überhaupt nicht. Dann schon lieber eine aus Holz oder Stein – aber auch die waren für ihn nicht das Wahre. Also wanderte er durch das ganze Land, um weitere Türenhändler zu finden. Er suchte sehr lange, doch ohne Erfolg.

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Eines Tages, nach einer endlos scheinenden Odyssee, kam Herr Grau an die westliche Grenze des Schuhkartons und entdeckte, scheinbar zufällig, etwas ganz unauffälliges Graues in der Wand. „Ist das eine Tür?“ fragte sich Herr Grau und kratzte sich am Kopf. „Entschuldigung, wer verkauft dieses Objekt?“ rief er in die Menge und die Tatsache, dass ihm keiner antwortete, machte ihn stutzig. Denn eines muss man natürlich wissen: wenn etwas zum Verkauf steht, ist der Verkäufer nicht weit. Und in diesem Land stand Alles zum Verkauf (solange der Preis stimmte)! „Das gibt’s doch nicht. Niemand da, der diese Tür verkaufen möchte?“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Er inspizierte die Tür genau, doch je länger er darauf schaute, desto mehr machte sie den Eindruck, sich aufzulösen. „Na schön, dann schauen wir mal, was sich hinter dir verbirgt!“ sagte Herr Grau entschlossen, drückte die Klinke und trat ins Freie.

„Was ist denn das?! Ich versteh‘ das nicht!“ schluckte Herr Grau und schaute auf die endlosen grünen Wiesen und in den weiten Himmel. Die riesigen Bäume und die bunten Vögel versetzten ihn in Staunen und die Luft, die er atmete, erfrischte ihn mehr als die teuerste Zitronenlimonade der Welt. Er war überglücklich, all diese Wunder zu sehen.
„Wo bin ich?“ fragte Herr Grau einen vorbeilaufenden Igel. „Na hier!“ sagte der Igel und wunderte sich über so eine seltsame Frage, denn dieser konnte nicht verstehen, dass man woanders als „hier“ sein konnte. „Ja, aber wie heißt dieser wunderbare Ort?“ fragte Herr Grau noch einmal. „In unserer Welt haben die Dinge keinen Namen.“, sagte der Igel „Und schon gar nicht hat unsere Welt einen Namen! Wir sind alle frei!“ „Dann ist das die Freiheit?!“ rief Herr Grau und konnte es kaum glauben. Er hatte schon viel von der Freiheit gehört, aber er hielt die Geschichten nur für Mythen, denn er hatte nie einen anderen Geschäftsmann gefunden, der ihm diese Freiheit hätte zeigen können. „Nenn‘ es wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Igel und ging seines Wegs.

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Herr Grau kratzte sich am Kopf und da er immer noch ein typischer Geschäftsmann war (wenn auch ein schlechter), fing er sogleich an, sich Gedanken zu machen: „Diese Freiheit! Ich kann sie verkaufen! Ich eröffne ein Reisebüro! Ich kann Reiseführer schreiben! Darin stehen dann die tollsten Sehenswürdigkeiten und geheimsten Geheimtipps, die es nur in der Freiheit zu erleben gibt!“ Schnell wie der Wind huschte er wieder ins Schuhkarton-Land und schloss die Tür, denn es gab nun eine Menge zu tun.

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„Seht euch den Grau an, der spinnt wieder rum!“ spotteten die anderen Geschäftsmänner nach ein paar Tagen. „Will uns die Freiheit hinter einer Tür verkaufen und weiß selber nicht wo sie ist!“ „Sie war hier, ich schwöre es!“ schluchzte Herr Grau und zeigte auf die leere graue Wand. „Wir verschwenden hier nur unsere wertvolle Zeit. Von uns kriegt der keinen Pfennig!“ antworteten seine Kollegen und gingen wieder ihren alltäglichen Geschäften nach. Herr Grau jedoch überlegte nicht mehr lange, machte sich auf die Socken und suchte einige Jahre alle Grenzen des Landes ab, in der Hoffnung jemand hätte die Tür wie durch Zauberhand an eine andere Stelle versetzt. Doch er fand sie nicht mehr. Da wurde er traurig und ging nach Hause. Eine Zeit lang lag er krank im Bett und sehnte sich nach dieser Freiheit, die er – ach! – nur so kurz erfahren hatte. Das winzige Interesse, das er bis dahin an der geschäftsmännischen Arbeit noch hatte, verschwand nun völlig. „Jetzt werde ich bald wirklich ins Gras beißen!“, dachte er. Um seine restliche Zeit einigermaßen angenehm zu vertreiben, kaufte er sich Stifte und Papier und fing an, Bildergeschichten von der Freiheit zu schreiben, doch alles was er aufs Papier brachte war Müll im Vergleich zu dieser unendlichen Schönheit, die er damals erlebt hatte.

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Viel Zeit verging und das einzige was er tat, war malen. Irgendwann hatte er kein Geld mehr, um sich neues Malmaterial oder Lebensmittel zu kaufen und so kam der Tag, an dem er völlig ausgehungert mit einem farblosen Pinsel sein allerletztes Blatt bemalte: Es war das Bild einer schneeweißen Tür. Da gingen Herr Grau die Augen auf. Die Tür auf dem Papier begann sich zu öffnen und hüllte ihn in weißes Licht…

Herr Grau plumpste in die Freiheit und landete mit dem Kopf voran im weichen Gras.

„Ach, du schon wieder!“ sagte der Igel, rollte mit den Augen und trabte vorbei. Herr Grau sagte nichts und mit einem Büschel Gras zwischen den Zähnen blieb er sitzen. Neben ihm war ein riesiger Kirschbaum mit blauen Vögeln und bunten Eulen, die an den Früchten knabberten oder gemeinsam musizierten. Herr Grau erkannte, was Sache war und große Freude breitete sich aus. Da fiel eine winzige Kirsche vom Baum. Er aß sie voller Genuss zur Hälfte, dann war er satt. Aus der anderen Hälfte kam ein Wurm gekrochen und lachte. „Haha, du hast meine Wohnung gegessen!“ „Ohje. Das ist ja gar nicht gut!“ sagte Herr Grau und schaute mit verzerrter Mine auf den sonderbaren Wurm, der so groß war wie Herr Grau selbst. Der Wurm sagte: „Nicht gut…? Nicht gut oder nicht schlecht…! Haha, wer weiß das schon. Ich sehe, du musst noch viel lernen. Warte hier.“ und er kroch durch ein Loch ins Kirschkerninnere und kam mit einem Buch wieder heraus, das er Herr Grau überreichte. „Hier! Das kannst du gebrauchen.“ „Bist du etwa ein Bücherwurm?“ fragte Herr Grau. „Nenn‘ mich, wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Wurm und verschwand lachend in dem, was von der Kirsche übriggeblieben war.

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„Na schön, mal sehen, was ich denn noch so zu lernen habe!“ sagte Herr Grau und blätterte in dem Buch. Doch das Buch war von vorn bis hinten voll mit leeren Seiten. „Oha! Das ist dann wohl die erste Lektion!“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Dann packte er seinen Stift aus und fing an „die wunderbare Reise des Herr Grau“ zu schreiben. „Endlich! Endlich kann ich meine Eindrücke der Freiheit direkt hier, vor Ort, aufs Papier bringen!“ freute er sich und begann seine Reise. Er traf auf lustige Enten, flinke Wiesel und Straßenmusiker. Auf Mäuse mit Hüten und Bären mit Anzügen. Er begegnete lebendigen Robotern, sprechenden Häusern und machte Bekanntschaft mit guten Diktatoren, Glückserfindern und vielen anderen sonderbaren Gestalten. Er notierte ihre Geschichten und malte Bilder dazu. Er ließ sich dafür viel Zeit. Doch irgendwann würde er zu Seinesgleichen zurückkehren und ihnen alle Geschichten erzählen. Nicht um Profit daraus zu schlagen, sondern weil er die Freiheit liebte und was man liebt, das will man teilen.

J.