Es war einmal eine junge Eule, deren gelbe Augen wie hellstes Kerzenlicht leuchteten. Sie war sehr stolz auf ihre Augen, denn mit ihnen konnte sie auch in der finstersten Nacht sehen, wenn die fernen Sterne das einzige Licht waren, das auf den Wald schien. Am liebsten saß die Eule auf einem Ast und wartete.

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Da kam ein Wiesel angerannt. Das machte die Eule neugierig. Sie fragte: „Wiesel, sag, warum rennst du so?“

Das Wiesel antwortete: „Ich werde gejagt! Von der Trauer!“
„Trauer? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Trauer fängt, wirst du zu einer dunklen Wolke, die nichts anderes kann als regnen!“ rief das Wiesel und war verschwunden.

Die Eule wurde traurig, dass sie nicht von der Trauer gejagt wurde. Denn sie wollte zu gerne wissen, wie es ist, eine Wolke zu sein. Da verwandelte sie sich für einen Augenblick in eine dicke dunkelblaue Regenwolke und mit einem kaum hörbaren Donner begann sie zu regnen. Erst ein paar kleine Tropfen, dann ein heftiger Schauer und zum Schluss ein Sprühregen, begleitet von einer zarten Brise.

„Das war ja interessant!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar neue blaue Federn an ihren Flügeln.

Am nächsten Tag rannte das Wiesel wieder am Baum vorbei, auf dem die Eule saß.
„Wiesel! Rennst du wieder vor der Trauer davon?“
„Nein! Heute flüchte ich vor der Scham!“
„Scham? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Scham ergreift, wirst du zu einer kleinen Maus mit einem roten Kopf und einem Hut. Niemand auf der Welt ist so blöd, als dass er sich schämen wollte!“

Da schämte sich die Eule, denn sie war wohl die Einzige auf der ganzen Welt, die wissen wollte, wie es ist, eine kleine Maus zu sein. Da verwandelte sie sich für einen kurzen Moment in eine winzige weiße Mausedame mit einem zu großen Hut, der etwas albern aussah. Ihr Kopf wurde langsam rot und als sie ihn mit ihren Pfötchen verdecken wollte, fing er erst recht an zu leuchten. Da nahm sie schließlich ihren Hut und zog ihn über ihr ganzes Gesicht, damit sie niemand mehr sehen konnte.

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„Was für eine sonderbare Erfahrung!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar rote Federn in ihrem Gesicht, die vorher noch nicht da waren.

Auch am nächsten Tag kam das Wiesel vorbeigerannt.
„Wiesel! Wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor der Wut!“
„Wut? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Wut packt, wirst zu einem rasenden Tiger, der nicht mehr Herr über seine Sinne ist!“

Da wurde die Eule wütend, dass die Wut nur das Wiesel jagte und nicht sie. Denn sie wollte auch wissen, wie es ist, ein Tiger zu sein. Da verwandelte sie sich einen Augenblick lang in eine riesige gestreifte Raubkatze, die zunächst mit dampfendem Atem schnaubte, dann ohrenbetäubend brüllte und schließlich wild um sich schlug, dass man meinte, das Tier würde explodieren.

„Wie seltsam!“, sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte einige orangene Federn an ihrer Brust.

Am darauffolgenden Tag kam das Wiesel wieder angerannt.
„Was ist es heute, Wiesel? Wovor flüchtest du?“
„Vor der Angst!“
„Angst? Was ist das?“
„Wenn dich die Angst gefangen hat – das ist das Schlimmste! Dann wirst du zu einem elenden Häufchen, das gar nichts mehr kann!“

Da bekam die Eule Angst, dass die Angst auch einmal sie ergreifen könnte. Da verwandelte sie sich für eine winzige Ewigkeit in einen Haufen aus totem Espenlaub. Die graugrünen Blätter zitterten und raschelten, als der Wind sie zart berührte. Der Laubhaufen versuchte sich zu verstecken, damit ihn niemand mehr anfassen konnte, doch er war wie gelähmt und kam nicht von der Stelle. Da bat er den Wind stärker zu blasen, damit er ihn an einen besseren Ort trug. Der Wind nahm in den Wolken Anlauf, und mit einem gewaltigen Donner raste er blitzschnell in das Laub, sodass die einzelnen Blätter wild umherflogen und sich im Nichts auflösten.

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„Sonderbar, wirklich äußerst sonderbar!“, murmelte die junge Eule mit großen Augen, zupfte ihr Gefieder zurecht und sah, dass ihre Schwanzfedern grün waren.

Und wieder rannte das Wiesel am Baum vorbei, an diesem Tag jedoch viel schneller als sonst.
„Sportlich, sportlich!“, sagte die junge Eule und lachte.
„Ja! Heute renne ich aber nicht weg! Heute renne ich dem Glück hinterher!“, rief das Wiesel mit einem Grinsen im Gesicht.
„Glück? Was soll das denn sein?“, fragte die Eule.
„Wenn du das Glück schnappst, dann hast du dein Ziel erreicht! Dann wirst du endlich zu dem werden, was du schon immer sein wolltest!“, rief das Wiesel, doch man hörte es kaum noch, als es hinter den Bäumen verschwand. Es war wirklich in großer Eile.

„Das verstehe ich nicht.“, sagte die Eule. „Ich bin doch immer, was ich sein will.“ Da flog sie davon und machte sich auf die Reise in ein fremdes Land, in dem die Sonne immer schien und die buntesten Tiere lebten.

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* * *

Natürlich kam auch noch am folgenden Tag das Wiesel vorbeigerannt.
„Hallo Wiesel“, sagte ich „wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor dem Ende!“ antwortete das Wiesel.
„Ende? Was ist das?“, fragte ich.
„Na das, wo alles aufhört! Das, wo die Geschichte nicht mehr weitergeht!“
„Ach Wieselchen! Das Ende war doch schon von Anfang an hier. Du denkst wirklich, du kannst davor wegrennen? Ich sag‘ dir was: Genau deshalb rennst du darauf zu!“

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Doch das Wiesel war nicht schlau genug, um es je zu verstehen.

J.