1. Kuti Hüb

„Hallo! Es war einmal ein Mann, der hatte echt ‘nen miesen Tag. Zuerst leerte er am Morgen den Kaffee über sein Hemd und am Nachmittag hat sein Chef ihn richtig zur Sau gemacht. Nach Feierabend ging der Mann in eine Bar, um seinen Freund zu treffen. Er hoffte, bei ihm ein wenig Mitgefühl zu finden. Ende.“
„Oh je, so ein armer Pechvogel! Aber es war auch einmal ein anderer Mann, der war seit einem Monat pleite, weil seine Frau ihn verlassen hatte und er hatte nicht einmal mehr Geld für eine Flasche Bier und er hoffte, dass sein alter Freund ihm eines spendieren würde! Ende.“

So oder so ähnlich konnte ein Gespräch zweier Männer aus dem Volk der Bajakas aussehen, die sich nach Feierabend in ihrer Stammkneipe trafen. Geschichtenerzählen gehörte bei den Bajakas zum Leben genauso wie Nahrung oder das Atmen.  Man erzählte sich Geschichten, um zu wissen, wie es einem ging oder was man erlebt hatte. Man bediente sich ihrer aber auch, um seine Wünsche zu äußern oder im Anderen Emotionen zu wecken.

Des Weiteren wurden Geschichten auch dafür benutzt, um wichtige Dinge zu lehren und zu lernen. In allen Wissenschaften erklärte man die neusten Errungenschaften und Erkenntnisse in Bildergeschichten, weil man sich die Dinge sonst nicht anders vorstellen konnte. Nicht selten wurden sich hier Dinge erzählt, die sich gegenseitig widersprachen und eines hörte sich oft besser an, als das andere. Deshalb führte man eine Art Wettkampf ein, in dem Geschichtenerzähler gegeneinander antraten. Wie so etwas von statten ging, kann man gut am bekannten „Streit um die Gaskugel“ zwischen dem Physiker Olek Suo und des Paters Klonek Waha vom Tu-Tah-Orden sehen.

Der Physiker Olek Suo erzählte damals folgendes: „Es war einmal eine Welt, die war rund wie eine Kugel. Sie raste in einem wahnsinnigen Affentempo durchs All, immer im Kreis um eine noch größere Kugel aus Gas, die so heiß war wie hunderttausend Steinöfen aus Pergua. Die kleine Kugel brauchte immer genau ein Jahr, um die große Kugel zu umrunden. Auf der kleinen Kugel lebte das Volk der Bajakas. Ende.“ Daraufhin erzählte der Tu-Tah-Pater seine Geschichte: „Es war einmal das Volk der Bajakas. Sie waren das auserwählte Volk des Universums und sie wussten genau, dass sie auf einer Kugel lebten. Woher sie das wussten? – Nun ja, sie waren nicht nur das auserwählte Volk, sondern auch das schlaueste aller Völker des Universums. Die Kugel war jedoch genau in der Mitte des Universums platziert und alles andere flog um sie herum! So besonders waren die Bajakas! Ende.“

Nachdem diese zwei Geschichten erzählt wurden, verbrannte man den Physiker bei lebendigem Leib, denn er hatte nur die zweitbeste Geschichte erzählt. Hierfür muss man wissen, dass es in besagten Wettkämpfen spezielle Jurys gab, die bestimmten, welche wissenschaftliche Geschichte die beste war. Und in der barbarischen Epoche, in der der Physiker Olek Suo lebte, wurden die schlechteren Erzähler nach der Siegerehrung öffentlich hingerichtet. Man wollte ausschließlich gute Geschichten hören, und allen die Zeit mit den weniger guten ersparen.

Die Bajakas erzählten sich natürlich auch fantastische Geschichten. Einfach nur zum Spaß und um sich unterhalten zu lassen – so wie man es üblicherweise mit Geschichten im ganzen restlichen Universum handhabte. In späteren Zeitaltern gab es auch im Bereich der Unterhaltung Jurys, welche die Sieger der besten frei erfundenen Geschichten kürten. Diese bekamen dann vergoldete Statuen (man nannte sie „Siegfrieds“), mit denen man eigentlich gar nichts anfangen konnte, außer dass man später folgende Geschichte über sich selbst zu erzählen hatte: „Es war einmal eine Frau, die erzählte eine so gute Geschichte, dass sie dafür eine goldene Statue bekam. Ende.“

Unterhaltsame Geschichten waren für die Bajakas das A und O. Jeder wollte spannende Geschichten hören und erzählen. Man versammelte sich regelmäßig in großen Räumen um gemeinsam alte Mythen und Epen von Bajakahelden zu hören, die einst lebten. Das waren Helden, die Wundertaten vollbrachten, die Welt retteten und in den Wolken lebten. Bei den Versammlungen hingen Ölbilder an den Wänden, die die Geschichten illustrierten und durch die bunten Fenster wurden die Räume mysteriös erleuchtet. In späteren Zeitaltern benutzte man Projektoren, die bewegte Bilder auf gigantische Leinwände brachten und dazu gab es allerlei Geräusch-Effekte. Die Zuhörer waren stets so ergriffen, dass sie fühlten, dass diese Geschichten wahr sein mussten.

Die Bajakas wurden mit der Zeit immer süchtiger nach guten Geschichten und das wussten auch die Händler des Volkes. Im „Zeitalter der Gier“ ließen diese die besten Erzähler zusammenkommen und erfanden mit ihnen so spektakuläre Geschichten, dass die Leute nach einiger Zeit sogar bereit waren, viel Geld für diese auszugeben. Diese speziellen Händler gehörten zur unehrenhaften Gilde der Storyverkäufer. Aber auch Verkäufer normaler Produkte, wie zum Beispiel Nahrungsmitteln​ oder Fahrzeugen, benutzten Geschichten für ihre ganz eigenen Verkaufsstrategien. Legendär ist jene von Uhomo, dem Erdnussmann. Ein Erdnussverkäufer hatte sie in einer wirtschaftlichen Krise erfunden, um sein Geschäft wieder in Schwung zu bringen: „Es war einmal der kleine Junge Max, der war schwach und dumm und unglücklich. Da sagte er sich: ich werde jeden Tag zwanzig Uhomo-Erdnüsse essen, mal sehen was passiert. Da wurde er zu Uhomo, dem Erdnussmann, und er war muskulös und schlau und glücklich. Barbusige Frauen tanzten um ihn herum und sangen: Uhomooo, wir lieben Dich! Und Uhomo, der Erdnussmann aß nur noch Erdnüsse und sonst nichts. Ende.“ Die Nachfrage nach Erdnüssen wurde schlagartig so groß, dass man sogar Obstplantagen und Sojafelder vernichtete, um Erdnüsse anzubauen. Viele Verkäufer wurden von dieser Erfolgsgeschichte inspiriert und schließlich kam es zu sonderbaren Geschichten über Fantastico-Elastico oder Kronk dem Scheuermeister, oder dem (weniger erfolgreichen) Soja-Bert. Viele dieser Verkaufsgeschichten waren von übler Qualität und das lag vor allem daran, dass es in diesem Bereich keine Jurys gab. Einige Bajakas waren der Meinung, dass Jurys gerade hier deutlich mehr Sinn gemacht hätten, als in der Wissenschaft oder Unterhaltungsbranche.

Es gab noch viele andere Lebensbereiche, in denen man sich diverser Geschichten bediente. Unter anderem noch beim Sport (das waren besondere Erzählungen, die zeitgleich erfunden, aufgeführt und nacherzählt wurden), bei der Mode (hier erzählte man besonders gern Dinge über sich selbst oder zu wem man gehörte), außerdem beim Geschlechtsverkehr, bei der Körperhygiene, der Politik und vielen anderen Bereichen. Man erzählte sie sich in mündlicher und schriftlicher Form, mit bewegten und unbewegten Bildern oder durch Tanz und Musik.

Man erzählte Geschichten aus den verschiedensten Motivationen und man hörte sie sich ebenso aus unzähligen Gründen an. In der Regel gab es eine Seite, die erzählte und eine andere Seite, die zuhörte. Doch bei den Bajakas gab es noch eine weitere besondere Form, die scheinbar nicht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhte. Diese Art des Erzählens war allgegenwärtig, jedoch sehr unscheinbar, da sie meist gedanklich von statten ging. Es war das „Sich-Selbst-Geschichten-Erzählen“. In dieser Disziplin waren die Bajakas wohl die Meister des Universums. Pausenlos erzählten sie sich selbst in ihrem Kopf Geschichten über sich selbst, über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, über ihre Gefühle zu sich selbst und zu anderen, über ihre Familien, Freunde und alle anderen Beziehungen, über ihre Götter und Dämonen, über ihre Sicht auf die Dinge und darüber, was diese Sicht aus ihnen machte. Diese Geschichten waren äußerst machtvoll, weil sie das ganze Wesen der Bajakas und ihre Welt verändern konnten. Erzählte sich jemand etwas Schönes über sich selbst, wurde er selbst auch schön. Erzählte sich jemand, dass ein anderer es nicht verdient hatte, geliebt zu werden, so fing er an, diesen zu hassen. Erzählte sich jemand die Geschichte, dass die Welt, so wie sie war, der perfekte Ort zum Leben war, dann wurde die Welt für ihn zum Paradies. Und erzählte sich jemand pausenlos, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dann machte er die Erfahrung, dass etwas mit ihm nicht stimmte, auch wenn er nicht wusste, was es genau war (meistens stimmte mit ihm dann eben nur eine Sache nicht, nämlich dass er sich selbst zwanghaft und pausenlos erzählen musste, dass etwas mit ihm nicht stimmte).

Das „Sich-Selbst-Erzählen“ hatte einen gewaltigen Einfluss auf die Welt der Bajakas. Alles war möglich. Und doch konnten sie nicht anders, als sich eine Welt zu erschaffen, in der sie viel zu leiden hatten. Hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Bajakas waren hoch unbewusste Wesen. Sie wussten schlicht und einfach nicht, dass sie sich unentwegt selbst Geschichten erzählten! Ein Vorreiter, der das erkannte und etwas Licht ins Dunkel bringen wollte, war ein ambitionierter Bewusstseinsforscher namens Kuti Hüb. Dies ist die schriftliche Rekonstruktion seines Vortrags, den er, noch im selben Jahr seiner Entdeckungen (1267 v.G.E.), auf einem wissenschaftlichen Symposium hielt.

Tod eines Diktators

Eine Geschichte von Kuti Hüb, Doktor der Aporiophysik
an der Universität von Halonistein

Das Ende war nah. Der gesamte Planet würde bald untergehen. Jeder wusste es und die unterschwellige Angst, die sich vor einigen Jahrzehnten noch rasch in Terror und Gewalt verwandeln konnte, gab in diesen Zeiten nur noch laue Energie frei, was zu allmählicher Resignation und Apathie führte. Es war eine Welt voller Missverständnisse, in der eine gnadenlose Diktatur des falschen Wohlwollens herrschte. Ein jeder versuchte, gemäß seinen persönlichen Vorstellungen und eigener Kenntnis der Gesetze, stets rechtschaffend zu handeln, um für sich den Eintritt in den versprochenen Himmel zu erlangen. Die Geschichte des Himmelreichs, das seit Urzeiten sein Tor verschlossen hielt, war tief in jedem Bajaka verankert und bittere Wahrheit für jedes Geschöpf, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war.

Und so erzählte man sich, dass die übrig gebliebenen Techniker und Wissenschaftler in den südlichen Ländern ein Raumschiff bauten, das eine letzte Chance bot, die Bajakas zu einem neuen Planeten zu führen, auf dem man das Paradies plante. Man sagte auch, dass nur die tugendhaftesten Bajakas das Privileg hatten, Passagiere auf dieser Reise zu den Sternen zu werden. So wollte man sichergehen, dass in der nächsten Heimat nicht erneut Sünde und Unheil auf fruchtbaren Boden fallen würden, so wie es das Schicksal ihres geschundenen Zuhauses gewesen war. Es herrschte in dieser Welt, neben der Diktatur, also die stille und unzerstörbare Hoffnung, das versagte Tor zur göttlichen Herrlichkeit wieder aufbrechen zu können. Doch wo war dieses Raumschiff? Der Schlüssel hierfür und der genaue Standort waren in mystischen Schriften verborgen, die in den Ohren des Verstandes so märchenhaft oder unlogisch klangen, dass sie als Spielereien verantwortungsloser Kinder verworfen wurden. Diejenigen, die noch im Stande waren, sich etwas ernsthafter und unschuldiger mit den Schriften auseinander zu setzten, kamen zum Schluss, dass man das Raumschiff versteckte. Vermutlich gab es ein hochentwickeltes Energieschild, das als Sichtschutz diente und neugierige Augen und Wesen mit bösen Absichten abwehren sollte.

Der junge Gesetzesniederschreiber Blau schenkte aus den unerfindlichsten Gründen diesen geheimnisvollen Geschichten den einen Funken Glauben, dessen wunderbare Energie den Samen der Hoffnung zum Aufkeimen brachte, so dass er sich schließlich auf die Reise zum Raumschiff machte. Die Glücklichen, die das Gnadengeschenk des Glaubens erhielten (Der Gesetzesschreiber war natürlich nicht der einzige) und somit das Vorrecht, diese Reise antreten zu dürfen, begannen diese meist mit erwartungsvollen und freudigen ersten Schritten. Doch der Glaube wurde auf steinigen Pfaden und in gefährlichen Gassen stets aufs Neue geprüft. Nur so konnte sichergestellt werden, ob die Absicht des Wanderers eine reine war, oder ob doch die Diktatur des falschen Wohlwollens hier ihre Finger im Spiel hatte. Im Laufe der Reise wurde es dem Wanderer Blau immer klarer, dass die Prüfungen nicht etwa von einer höheren Macht von außen (er vermutete zunächst Manipulationen durch die Erbauer des Raumschiffs) auferlegt wurden. Vielmehr war es so, dass er seine Prüfungen unbewusst selbst heraufbeschwor, um sich durch diese dunklen und harten Kämpfe immer wieder aufs Neue bewusst zu werden, ob seine Absichten tugendhaft waren. Dass nur die besten, liebevollsten und demütigsten Bajakas eine Chance auf einen Platz im Raumschiff hatten, war fest in seinem Herzen eingeschrieben. Auch alle anderen Wanderer stellten sich selbst und jeder auf seine ganz eigene Weise unentwegt auf die Probe. Viele starben auf tragische Weise beim Versuch, ihre selbst auferlegten Aufgaben zu lösen und erkannten ihr wahres Wesen schließlich im Moment des eigenen Todes, der sich dadurch als ihre letzte Prüfung offenbarte.

Wanderer Blau freundete sich auf seiner Reise mit vielen anderen Suchenden an, von denen alle die Geheimschriften mehr oder weniger unterschiedlich interpretierten. So trennten sich die Wege immer wieder, weil jeder eine andere Richtung für die richtige hielt. Manche erzählten ihm sogar, dass es sich gar nicht um ein Raumschiff handelte, sondern etwa um einen mystischen Gottestempel, um ein außerirdisches Dimensionstor oder um eine Apparatur, die zeitlose virtuelle Realitäten erschaffen konnte.

Die wenigen tapferen Reisenden, die durch die dunkelsten Täler der südlichen Länder gingen, erkannten gerade an diesen trostlosen Orten das wahre Wesen der gnadenlosen Diktatur. Hier sahen sie alle dämonischen Auswüchse und das große Leid, die diese Form der Regierung zwangsläufig mit sich brachte und vor dem die Bajakas sogar in dieser Endzeit für gewöhnlich die Augen verschlossen.

Am tiefsten Abgrund passierte dann das Unausweichliche: Wanderer Blau erkannte, dass er selbst Diktator über das Reich war, aus dem er zu fliehen versuchte, um in die himmlische Freiheit zu gelangen. Nicht nur die erfundenen Gesetze des falschen Wohlwollens, sondern auch die Vorgaben auf welche Weise das Paradies zu erreichen wäre, waren einzig und allein seine eigenen Beschlüsse. Die Beschlüsse des Diktators Blau. Mehr noch: Selbst das endgültige Verschließen des Tores zu einer besseren Welt war seine ganz eigene Entscheidung gewesen. Diese Erkenntnis verbitterte den Reisenden und es wurde für ihn zur härtesten Prüfung, die er erleben sollte, denn nun fing sogar die vermeintlich unzerstörbare Hoffnung an, sich aufzulösen. Im eisigen Feuer der Verzweiflung wartete er, äußerlich ruhig, doch innerlich rastlos und unter Seelenqualen, weil er es nicht wahrhaben wollte, dass dies das Ende seiner großen Reise sein sollte. Das zwanghafte Verleugnen, dessen wer er wirklich war und wo er sich befand, dauerte eine lange Zeit an. Doch schließlich, nach schier endlosem Verharren in diesem Tal, kam Diktator Blau zum ersten Mal in seinem Leben zu einer wahrhaftigen Demut und gab die Kämpfe mit sich selbst auf. Er wusste, dass dieser Ort der absoluten Hoffnungslosigkeit sein einzig rechtmäßiger Platz war, weil er die alleinige Schuld am Leid seiner Welt trug. Er akzeptierte sein wahres Wesen und erwartete nun den ewigen Tod. Doch genau in diesem Moment wurde ihm ein neues Gnadengeschenk zuteil, ein Geschenk der Freiheit, das da hieß: „Du bist nie das, was Du denkst.“

Jeder Wanderer erhielt dieses Geschenk früher oder später auf seine für ihn maßgeschneiderte Weise und zwar so, dass er es durch und durch erkannte, ohne es auf gedanklicher Ebene zu verstehen. Manche durch den Blick auf die Schönheit der Natur oder durch den Klang einer Melodie. Andere durch das Wort eines Meisters oder durch die Berührung einer unbekannten Liebe. Viele im Augenblick ihres Todes, so auch der Diktator.

Blau erkannte, dass die Welt, die Diktatur und selbst die Reise zum Raumschiff nur ein Trick des Verstandes gewesen war. Sein Verstand wollte ein Rätsel lösen, dass er sich in seiner Verstrickung bereits vor Urzeiten selbst gestellt hatte. Er erkannte Alles, so wie es war, als das Versprochene, das nie woanders gewesen war als hier und jetzt. Er erkannte seine Freiheit und dass er schon immer frei gewesen war. Blau fing an, geheimnisvolle Geschichten zu verfassen, die andere ermutigen sollten, ihre Gedankenreisen als das zu erkennen, was sie in Wirklichkeit waren. Denn er sah, dass ein jeder frei war, viele sich jedoch nicht als umherwandernde Figuren in einem erfundenen Schauspiel erkennen konnten, sondern ihr eigenes Bühnenstück für die Wahrheit hielten. Die Welt war ein königliches Spiel von Meisterinnen und Meistern, unergründlich in seiner Komplexität und doch von einer unberührbaren Einfachheit.

Für Geschichtenschreiber Blau geschah nun alles in einer stillen Freude. Das Handwerk des Schreibens war ihm, aufgrund seiner früheren Tätigkeiten als Gesetzesniederschreiber, immer noch vertraut. Doch wollte er keine verständigen Köpfe mehr mit Geboten von oben belehren – ihm war es wichtiger, die offenen Herzen zu erreichen.

Und so fing er an, geheimnisvolle Schriftstücke zu verfassen, wohlwissend, dass auch ein Geschichtenschreiber einmal sterben musste. Das Ewige jedoch, das ewige Eine, ist Blau.

Ende.

Nach einem Moment der Stille, begannen die Wissenschafts-Juroren zu diskutieren. Erst murmelnd und tuschelnd, dann immer lauter. Sie stritten zum einen darüber, ob es eine gute Geschichte war, aber vor allem darüber, ob es denn überhaupt eine wissenschaftliche Geschichte war. Hier teilte sich die Jury in zwei Lager. Die Kritiker stellten interessante Fragen wie: „Weshalb hieß der Protagonist Blau und nicht Rot?“ „Was war denn nun mit dem Planeten, war er jetzt dem Untergang geweiht oder nicht?“ „Und was waren das für harte Prüfungen, die sich Blau und alle anderen Wanderer stellten?“ Ohne konkrete Beispiele war die Geschichte für sie nicht glaubhaft. Das zweite Lager der Juroren waren jene, die in der Geschichte etwas Wichtiges vermuteten, das sie jedoch nicht fassen konnten. Auch sie stellten interessante Fragen: „Herr Doktor Hüb, wie sind Sie zu dieser Erkenntnis des Ewigen Einen gekommen? Wie sah ihr Versuchsaufbau aus?“

Hüb sagte: „Meine Antworten, werte Damen und Herren, werden ihnen nicht gefallen. Und hätte ich sie Ihnen in einem anderen Zeitalter gegeben, hätten Sie mich sicher von Kopf bis Fuß gehäutet. Glücklicherweise leben wir mittlerweile in einer zivilisierten Gesellschaft. Allen geht es gut, alles ist erlaubt… und doch… leiden wir innerlich auf unergründliche Weise. Denn unser Dasein beruht auf einer höchst fehlerhaften Annahme: Wir halten unsere Geschichten für die Wahrheit. Wir fallen sozusagen auf unseren eigenen Zaubertrick herein. Geschichten sollten von Beginn an nur Mittel sein, um auf den verschiedensten Wegen zur Wahrheit zu führen. Doch kein Wort und keine kreative Schöpfung kann die Wahrheit selbst sein. Es sind alles nur Trugbilder und Illusionen, die nur eine Sache für uns möchten: Uns zur letzten aller Erkenntnisse locken. Und in der letzten Erkenntnis löst sich alles auf wunderbare Weise im Nichts auf, sogar die Zeit und der Raum, die ebenfalls nur Geschichten sind.

Ich bin zu diesem Ergebnis gekommen, indem ich mich einem Selbstexperiment unterzogen habe. Ich hatte beschlossen, mich allen Geschichten zu entledigen. Ich muss gestehen, dass dies – besonders am Anfang – kein einfaches Vorhaben war. Ich habe hierfür eigene Techniken entwickelt. Eine besonders effektive war es, zum Beispiel, auf einem Stuhl zu sitzen und nichts zu tun. Natürlich kam mir dabei ständig die Geschichte eines Wissenschaftlers in den Sinn, der doch Wichtigeres und Interessanteres zu tun haben müsste, als den ganzen Tag faul auf seinem Bürostuhl zu sitzen. Es dauerte ziemlich lange, mich dieser Gedanken zu entledigen. Als ich es schließlich schaffte, tauchten prompt weitere Geschichten auf. Und eine nach der anderen musste aufgelöst werden. Eine der letzten Geschichten, die erschienen, war sehr paradox. Sie ähnelte der bekannten Erzählung vom Sterben und Leben des winzigen Samenkorns – aber ich schweife ab. Sie müssen verstehen, dass dies ein wissenschaftliches Experiment auf allerhöchster Ebene war. Und, meine werten Kollegen, ich kann es ihnen nur empfehlen! Diese Art zu Forschen liefert die besten Ergebnisse, die ich je gesehen habe. Dem ist so, weil alles was wir untersuchen wollen, und alles was wir zum Untersuchen brauchen, bereits da ist. Beobachter und das Beobachtete sind eins. Welche der zahlreichen Wissenschaften, die sich allesamt Bildern und Geschichten bedienen müssen, kann zu einer endgültigeren Wahrheit führen als diese?“

Die Juroren diskutierten weiter und wussten nicht so recht was sie von der ganzen Sache halten sollten. Die Zeit drängte und es warteten noch zwei weitere Wissenschaftler, die ihre Forschungsergebnisse präsentieren wollten. Schließlich wandte sich einer der älteren Juroren an Hüb: „Ihre Geschichte ist leider fehlerhaft. Sie beschreibt, dass Geschichten unsere Sicht und somit unsere Welt formen, weil wir sie für die Wahrheit halten, obwohl sie es nicht sind. Sollte ihre These wahr sein, so wäre auch ihre Diktatorgeschichte reine Fantasie, und somit eines ernstzunehmenden Wissenschaftlers und dieses ehrenwerten Symposiums nicht würdig!“ Hüb antwortete: „Das ist richtig, meine Geschichte ist keineswegs eine wahre Geschichte… Das habe ich aber auch nie behauptet. Es ist eine fantastische Geschichte, durch und durch.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Einige der Juroren wurden wütend und riefen: „Das ist ja unerhört! Wie wagen sie es, vor uns zu sprechen! Mit einer Märchengeschichte?!“ Hüb versuchte, die Wissenschaftler zu beruhigen. „Meine lieben Kollegen, ist es denn nicht unsere Aufgabe, die Geschichten der Welt zu bezweifeln, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen? Alles, was ich getan habe, ist, diesen Weg bis zum bittersüßen Ende zu gehen. Und wenn sie wüssten, was ich dafür erleiden musste, wären sie alles andere als wütend auf mich.“
„Für so ein Vorhaben muss man des Wahnsinns sein! Jeder kennt doch die Geschichte von Professor Ibrahim, der ins schwarze Nichts fiel!“, rief ein Mann aus dem Publikum, der jetzt nicht mehr ruhig stillsitzen konnte.
Hüb antwortete: „Auch diese Geschichte ist nicht die Wahrheit. Und überhaupt… Wer hat gesagt, dass das Nichts schwarz ist? Sicher nicht Professor Ibrahim.“
Ein Juror, der auf Psychologie spezialisiert war, sagte: „Doktor Hüb, es tut mir sehr leid für sie, aber ich glaube, sie sind einfach komplett verrückt geworden.“ Die anderen nickten zustimmend, obwohl sie von diesem Fach eigentlich keine Ahnung hatten.
Hüb fing mit einer neuen Geschichte an. „Es war einmal ein König. Dessen Volk trank aus einem verwunschen Brunnen. Alle lachten und fingen an in einer seltsamen Sprache miteinander zu reden. Es machte den Anschein, als seien alle verrückt geworden. Der König war der einzige, der nicht aus dem Brunnen trank. Bald sagte das Volk: Der König muss verrückt geworden sein! Der König jedoch war traurig, sein Volk so zu sehen, also – “
Im Saal wurde es wieder lauter. Pfiffe und Buhrufe vermischten sich mit irritiertem Gelächter. Die Juroren riefen: „Wieder eine Märchengeschichte! Verdammt, das gehört hier nicht hin! Verschwinden sie von da oben!“

Hüb startete einen letzten verzweifelten Versuch. „Es war einmal ein Dichter namens Solinavi. Er liebte fantastische Geschichten mehr als alles andere und so beschloss –  “
„Es war einmal ein Juror, der schrie nach dem Sicherheitsdienst! ENDE!“ rief ein Juror. „Sicherheitsdienst! Sicherheitsdienst!“ schrie ein anderer.

Während man Hüb zum Ausgang begleitete, begann schon der nächste Redner mit seiner spannenden Geschichte. Sie handelte von schmelzenden Polkappen und davon, dass alle Bajakas zusammenhalten müssten und gute Taten vollbringen sollten, weil sonst alle sterben würden, weil die Welt untergehen würde. Dies war jedoch nur die zweitbeste Geschichte des Symposiums. Die beste hatte man bereits am Morgen erzählt. In ihr ging es um Uhomo, dem Erdnussmann, und wie er Geld ausgab, um das neue Riesenteleskop bauen zu lassen, mit dem man bewohnbare Planeten entdecken konnte.

Was Doktor Kuti Hüb angeht, so sollte es noch viele Jahrhunderte dauern, bis seine Geschichte „Tod eines Diktators“ (man nannte sie später „Hübsche Theorie“) Einzug in die Großen Wissenschaftlichen Enzyklopädien hielt. Er war, wie so viele Wegweisende vor ihm, seiner Zeit weit voraus.

Es war einmal das unglaublich große Universum, in dem die Magier Zuhause waren. Es gab unzählige von ihnen und sie waren wirklich ziemlich machtvoll. Alles, was sie sich wünschten, wurde Wirklichkeit. Hatte zum Beispiel ein Magier gerade Lust auf Erdbeeren, erschien ihm sofort eine große Schale davon vor seiner Nase und er konnte sie sich schnurstracks einverleiben. Auch Häuser oder Paläste bauten sie sich in Sekundenschnelle. Fahrzeuge benötigten sie nicht, denn mit einem Wimpernschlag konnten sie sich von einem Ende des Universums zum anderen teleportieren. Es gab kein Leid und keine Schmerzen bei den Magiern, denn sollte einer zum Beispiel stolpern oder sich anderweitig verletzen, so konnte er sich augenblicklich heilen. Aber Heilen an sich war natürlich gar nicht erst nötig. Es gab nämlich nicht einmal die kleinsten Verletzungen, denn diese Wesen konnten mit ihrer Magie sogar in die Zukunft schauen und sahen den Stein schon vorher, über den sie eventuell gestolpert wären. Die Magier hatten alles und wussten alles. Ach ja, und sie waren natürlich unsterblich. …Man braucht nun wirklich kein Hellseher zu sein, um zu erahnen, dass es den Magiern schnell langweilig wurde. Und so erfanden sie zwangsläufig allerlei Dinge, mit denen man ganz neue Sachen erleben konnte, die noch nie jemand erlebt hatte. Oder Dinge mit denen man Dinge lernen konnte, die noch nie jemand gewusst hatte! Um solche Dinge zu erfinden musste man allerdings äußerst kreativ sein.

Einer dieser Erfinder hieß Monk Heidenmeister. Monk baute einen kleinen Raum, mit zwei Türen und nannte ihn „das kleine Universum der Illusionen“. Illusionen waren Monks Spezialität. (Illusion, das ist Magie, die einem vorgaukelt, dass etwas anders ist, als es in Wirklichkeit ist.) Die meisten Magier verstanden die Vorzüge nicht, mit so einer Art von Magie zu arbeiten, und deshalb kam sie im Magieruniversum nicht allzu oft zum Einsatz.

Da alle Magier natürlich schon vorher wussten, was Monk gebaut hatte, musste er ihnen natürlich nicht erklären, wie seine Erfindung funktionierte. Schon bildete sich eine lange Warteschlange vor der Eingangstür zum „kleinen Universum der Illusionen“ und jeder Magier wollte es mal ausprobieren. Da Du, lieber Leser, (wahrscheinlich) nicht weißt, was es mit diesem Raum auf sich hatte, möchte ich es Dir schnell erklären: Wenn ein Magier durch die Tür in den Raum ging, verlor er sein komplettes Gedächtnis und er wusste nicht mehr, wer er ist. Dann musste er eine Reise antreten, die bei einem kürzer dauerte und beim anderen länger. Auf der Reise erlebte er viele Freuden aber auch viel Leid, aber das war es wert. Außerdem musste er viele Rätsel lösen, bis er sich am Ende der Reise wieder ganz und gar erinnerte, dass er in Wirklichkeit ein mächtiger Magier war und dass das kleine Universum, in dem er sich befand nichts weiter war, als eine Illusion. In diesem Moment der Erkenntnis erschien die Ausgangstür vor ihm und er konnte den Raum wieder verlassen. Manche blieben aber auch länger im Raum, weil es ihnen so viel Freude machte, den anderen zu helfen, ihr Gedächtnis zurückzugewinnen. Denn einige hatten sich ganz schlimm in diesem Raum verirrt und diese konnten einem wirklich leidtun.

Die Magier gingen also durch die Eingangstür in das illusionäre Universum und kamen meistens schon nach wenigen Sekunden durch die Ausgangstür wieder heraus. „Wow, was für ein Ritt!“ sagte Rudolf Hotzenmeister und er fragte seine Kollegen, wie lange ihre Reise gedauert hatte. Frieder Apfelmeister sagte: „6478 Jahre! Ich war ein Kriegsführer und etwas später wurde ich als eine bekannte Bäckermeisterin wiedergeboren. Zum Schluss war ich ein richtig feiner Bettler und Geschichtenerzähler!“ „Oh ja, an deine Laugenbrezeln kann ich mich erinnern, ich habe eine davon als kleiner Junge von meinem Vater an einem kalten Wintertag geschenkt bekommen. Es war eine wichtige Station auf meiner Reise und wirklich unbeschreiblich schön. So etwas habe ich noch nie erlebt! Ich glaube, ich werde nie wieder auf die gleiche Weise Brezeln essen!“ sagte ein anderer Magier. Und alle lobten Monk Heidenmeister, dass er so ein tolles Universum gebaut hatte. „Wie bist Du denn nur auf so etwas gekommen?“, fragten alle ganz interessiert. Da erzählte Monk ihnen seine eigene Geschichte und alle erfuhren, wie und von wem er diese Idee geschenkt bekommen hatte.

Es kam einmal ein Pups mit solch einer Wucht ins Dasein, dass er sich seiner selbst auf der Stelle bewusst war. Das vorhandene Bewusstsein unterschied ihn von allen anderen Püpsen auf der Welt. Aber nicht nur das. Er kam nämlich ohne ein Geräusch und ohne Geruch in die Welt. Stattdessen flog er wie eine große durchsichtige Blase durch die Luft, ohne jegliche Anstalten zu machen, zu platzen.

Der Pups war sehr traurig, denn er begriff schnell, dass er nirgends willkommen war. Also machte er sich auf die Suche nach einem Ort, an dem auch andere Wesen gab, die nicht viel zu lachen hatten. An einem dunklen Novembertag fand er ein Gebäude, in dem er sein restliches Dasein verbringen wollte: Eine alte Kirche.

„Nanu, wer bist denn Du?“ fragte die kleine graue Maus,

die unter dem Altar wohnte. „Ich bin ein Pups.“, sagte der Pups. „Na das kann doch gar nicht sein“, sagte die Maus, „ich kenne mich sehr gut mit Püpsen aus, denn ich habe hier schon viele gesehen. Ein Pups – der ist allen oberpeinlich! Und wenn ich dich so ansehe, kann ich gar nichts Peinliches entdecken. Du bist groß und schwebst voller Würde langsam durch die Luft.“ „Oh danke“, seufzte der Pups mit einem traurigen Gesicht, „aber ich glaube nicht, dass du weißt, wovon du sprichst.“ Da flog er zum hinteren Teil der Kirche, zur Orgel.

„Was willst du? Wer bist du?“, fragte die kleine Spinne, die ihre Wohnung in der größten Orgelpfeife hatte. „Ich bin ein Pups.“ sagte der Pups. „Das glaubst du ja selber nicht!“ rief die Spinne ganz nervös, „du bist ja ganz ruhig und still. Ein Pups ist tief und laut, wie ein langer Ton aus einer Tuba. Manchmal aber pfeifend wie ein kurzer Ton einer Flöte. Ich weiß wovon ich spreche. Der Organist lässt hier immer wieder welche fahren, wenn er glaubt, niemand würde sie hören. Aber ich höre sie alle! Alle!“ „Ach du verstehst mich nicht.“, sagte der Pups und flog ohne einen Ton zu geben ein Stockwerk tiefer, in die Krypta – dem Raum, in dem die Heiligen in großen Särgen aus Stein lagen.

„Hallo. Wer bist du denn?“, fragte die Fliegenfamilie. „Ich bin ein Pups.“, sagte der Pups „Oha!“ sagten die Fliegen voller Ehrfurcht, denn sie hatten noch nie von einem Pups gehört. „Und was machst du so?“ „Ich verbreite Peinliche Gefühle. Ich mache seltsame Geräusche. Aber vor allem sorge ich für unangenehme Gerüche. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass ich nirgends willkommen bin.“ „Oha!“ sagten die Fliegen noch einmal und staunten. „Und wer seid ihr?“ fragte der Pups die kleine Fliegenfamilie. „Wir sind gewöhnliche Schmeißfliegen. Eigentlich sind wir auch nirgends willkommen. Da wo wir auftauchen versucht man uns zu verjagen oder gar zu töten. Deshalb verstecken wir uns in dieser Kirche. Unsere Wohnung ist in diesem Spalt.“ Und die Fliege zeigte auf einen kleinen Riss im Sarg des heiligen Ignatius. Da trat die kleinste Fliege hervor und sagte zum Pups: „Ich bin nur ein kleines Fliegenmädchen und ich weiß nicht viel von der Welt, und von Püpsen schon gar nicht. Doch mit Gerüchen kenne ich mich aus: Es gibt die guten und die schlechten, die süßen und die würzigen, die erfrischenden und die schweren. Und deshalb habe ich eine Frage an dich: Du sagtest, du sorgst für unangenehme Gerüche, doch wenn ich an dir schnuppere, so rieche ich gar nichts! Wie kann das sein?“ Da schrie der Pups: „Ihr versteht gar nichts! Die Maus nicht, die Spinne nicht und auch ihr nicht! Niemand weiß, was das für eine schwere Last ist, ein Pups zu sein!“ Und mit einem ohrenbetäubenden donnernden Brummen, dass sich bald in ein Furzen, bald in ein Pfeifen verwandelte, entfaltete sich der Furz in der ganzen Kirche. Mit einem Knall explodierte er schließlich und verteilte seinen bräunlich-glitzernden Geruch in allen Ecken der Kirche. Nun war es totenstill. Nur in der Krypta, so konnte man meinen, kicherten die Toten in ihren Särgen. So ein lustiges Geräusch war ihnen wohl schon sehr lange Zeit nicht mehr zu Ohren gekommen. Die kleine Fliegenfamilie hingegen flog wie wild durch die ganze Kirche und versuchte den ganzen Geruch in sich aufzusaugen. „Wow! Das ist das Beste, was ich je gerochen habe!“ rief das Fliegenmädchen und sie war betäubt von ihrer eigenen Freude. Dann sang sie ein Lied: „Danke, lieber Gott! Danke für diesen tollen Pups!“ Als die Heiligen das hörten, verwandelte sich ihr Kichern in ein bebendes Lachen und Wiehern, so dass die Kirche drohte einzustürzen. Doch sie blieb noch viele Jahrhunderte stehen und unzählige Püpse sollten in ihr noch ins Dasein kommen.

Alle Kinder spielten fröhlich auf dem Spielplatz. Alle bis auf eins. Sophia stand neben der Rutsche und murmelte vor sich hin: „Mit mir stimmt wohl etwas nicht. Mit mir stimmt wohl etwas nicht.“

Die anderen Kinder kümmerte das nicht und sie spielten alle weiter. Alle bis auf eins. Noah wurde neugierig und ging auf Sophia zu. Er fragte sie: „Warum spielst du nicht mit uns?“ Sophia antwortete: „Mit mir stimmt wohl etwas nicht. Mit mir stimmt wohl etwas nicht.“ Noah fragte weiter: „Ja, aber was? Was stimmt nicht mit dir?“ Darauf hatte Sophia nur die gleiche Antwort: „Mit mir stimmt wohl etwas nicht.“

Noah sah Sophia von Kopf bis Fuß an, und da er nichts Außergewöhnliches an ihr bemerkte, sagte er schließlich: „Du, mit dir stimmt nur eine Sache nicht und das ist, dass du ständig sagst: Mit mir stimmt etwas nicht!“ Da schaute Sophia Noah mit großen Augen an. „Ach so ist das!“ sagte sie. Damit war die Sache gegessen und alle spielten weiter. Auch Sophia.

Da ist dieser junge neugierige Mensch, der wissen will, was es alles auf der Welt gibt. Seine Mutter packt ihm Proviant für Leib und Seele in seine Tasche und schickt ihn los, um die Welt zu erkunden.

Als erstes trifft er die Mineralien, Metalle und alle anderen Stoffe. Er fragt, wer sie seien. Sie sagen: „Ach wie schön, es gibt nur wenige, die wissen, dass wir sprechen können, denn die meisten hören nur das, was sie hören wollen. Wir aber, wir sprechen mit unseren Farben. Wir sind rot wie Eisenoxid und grün wie Smaragd, klar wie Wasser und matt wie Kohle. Wir sprechen mit unserer Oberfläche: Wir sind glatt und rau, wässrig oder ölig. Wir sprechen mit unseren Eigenschaften: Wir sind widerstandsfähig und magnetisch, elastisch und wärmeleitend. Doch sich selbst nutzt der Kohlenstoff und das Salz nichts! Wir brauchen Wachsende, damit unsere Eigenschaften genutzt werden können.“

Der junge Mensch geht weiter. Er begegnet Wiesen, Blumen und Bäumen. Auch diese fragt er, wer sie seien. Sie sind erstaunt, dass er versteht, was sie sagen:
„Durch das Licht und die Stoffe, die uns geschenkt sind, wachsen wir zu Neuem.
Wir werden süße Düfte, die erfreuen.
Wir werden frische Früchte, die beleben.
Wir werden bitteres Kraut, das heilt.
Und nebenbei reinigen wir das, was in den Lüften unrein geworden ist. Doch sich selbst nutzt der wohlschmeckende Apfel nichts! Wir brauchen Nehmende, um Weitergeben zu können.“

Der junge Mensch geht weiter und entdeckt Mäuse, Vögel und Fische. Diese sind nicht ganz so verwundert, dass der Mensch sie versteht, denn ihre Sprache ist seiner ähnlich. Sie sagen:
„Wir sind tanzende Mäuse. Wir kichern im Gebüsch und genießen süße Kirschen und knackige Nüsse.
Wir sind fliegende Vögel und wir lieben es, frei in windigen Höhen zu segeln und die Wärme des Landes zu atmen.
Wir sind suchende Fische und schwimmen vorsichtig in den schwarzen kalten Tiefen, um Orte zu sehen, die keiner je sah.
Doch unser singende Chor im grandiosen Bühnenstück der Vielfältigkeit nutzt uns nichts! Wir brauchen Augen und Ohren von Allwissenden, um in Erscheinung zu treten.“

Der junge Mensch geht weiter, um weitere Geschöpfe zu finden, doch er findet nichts mehr. Am Ende seines Weges kommt er an einen dunklen Abgrund mit einer sehr schmalen Brücke. Es ist ein Schild aufgestellt, auf dem steht: „Dies ist die Brücke zwischen zwei lebendigen Welten. Diesseits der Brücke ist die Erschaffene Welt, jenseits der Brücke ist die Erschaffende Welt. Vorsicht! Du kannst nichts mitnehmen!“ Und der junge Mensch zieht seine Kleider aus und legt seine Reisetasche ab und überquert die schmale Brücke, denn er hatte keine Angst.

Auf der anderen Seite angekommen sieht der Mensch eine magische Welt. Er trifft auf bewusste Wesen, die er fragt, wer sie seien.
Sie antworten: „Man nennt uns die Lieder-Singenden.
Wir sind der Tanz für die Betrübten.
Wir sind Flügel für die Glaubenden.
Wir sind Lampen derer, die in der dunklen Tiefe suchen.
Doch uns selbst nutzen wir nichts! Wir brauchen Hilfesuchende, denen wir dienen können.“

Der Mensch geht weiter und begegnet noch geheimnisvolleren Wesen. Sie sagen: „Wir sind die Verwandelnden.
Wir verwandeln Licht in Heilung.
Wir verwandeln Licht in Freude.
Wir verwandeln Licht in Leben.
Ja, auch uns gibt es. Wir sind Geister und wo wir wirken, wächst alles und wird immer neu.“

Der Mensch geht noch einen Schritt weiter und bleibt stehen. Er hört eine Stimme: „Ich bin der Sprechende. Das Wort, dass ich sage, ist Gesetz. Ohne das Wort wäre der Stein nicht Stein. Er hätte kein Wesen, keinen Grund und kein Ziel. Ohne das Wort wäre er nichts. Weiter kannst du nicht gehen. Auch das ist Gesetz.“

Der Mensch wird traurig und sagt „Jeder weiß, wer er ist. Jeder weiß, was er zu tun hat. Doch was ist mit mir? Was soll ich tun und wo ist mein Platz?“ Da hört er die Stimme eines Lied-Singenden: „Kehre um, Hilfesuchender! Geh zurück zur Mitte und suche dort. Suche in dem, was man dir auf deine Reise mitgegeben hat. Vertraue! Dir wird geholfen!“ Der Mensch geht zurück über die Brücke in die Erschaffene Welt. Er zieht sein Gewand wieder an. Er nimmt einen Apfel und ein Buch aus seiner Reisetasche und fängt an zu lesen.

Die Kohlenstoffpigmente der schwarzgedruckten Buchstaben fangen an zu sprechen, als der Mensch anfängt zu lesen. Er dankt der Materie und dem Wort.

Die reine Luft, die er atmet und das frische Obst, das er gegessen hat geben ihm Kraft und Klarheit, so dass seine Augen sehen, seine Finger die Seiten umblättern und sein Verstand begreift. Er dankt den Pflanzen und dem verwandelnden Geist.

Das Buch, das er liest heißt „Die Antwort der Engel“ und er liest darin von freien singenden Vögeln und offenen Käfigen. Ihm geht ein neues Licht auf und er freut sich, dass man ihm die Antwort schenkt, die er gesucht hatte. Er lacht und tanzt, und gemeinsam mit der sichtbaren und unsichtbaren Welt lobt er das Licht.

Er erkennt das Licht, das durch beide Welten von einem Ende zum anderen leuchtet und aus dem Alles gemacht ist. Und er erkennt sich selbst als wahren Menschen. Er selbst ist die Brücke zwischen beiden Welten. Er ist der Vermittler. Er ist Geschöpf und Schöpfer. Sein Zuhause sind zwei Welten, die durch ihn zu einem Reich werden können. Er freut sich über die Aufgabe und er fängt an, in allem das Licht und das Leben zu sehen und zu loben, selbst in Dingen, die man gewöhnlich für tote Materie oder für bewusstlose Ideen hält. Der Mensch ist es, der nun sagen kann: „Alles, wirklich Alles, strahlt in einem Licht, ist verbunden und unendlich wertvoll.“

Es war einmal ein kleiner Planet, auf dem lebten die Sonnenmäuse. Sie waren so weiß, dass sie fast leuchteten und manch einer konnte bei diesem Anblick meinen, er schaute direkt in ein Licht. Sie lebten fröhlich und trieben lange Zeit allerlei Schabernack im Schein der weißen Sonne.

Man weiß nicht mehr so genau, wer die Idee zuerst hatte, aber es kam die Zeit, da fanden es die Mäuse sehr amüsant, sich eine Weile vor der Sonne zu verstecken. Denn auch mit der Sonne liebten sie es, ihren Schabernack zu treiben. Und so nahm sich eine Maus nach der anderen einen großen schwarzen Hut aus dem Schrank und setzte ihn sich auf. „Nun sehen wir die Sonne nicht mehr, also kann sie uns auch nicht mehr sehen!“ dachten sich die Mäuse und kicherten wie verrückt. Als schließlich alle Mäuse des Planeten einen Hut aufhatten, vergaßen sie schnell, dass es die Sonne überhaupt gab. Denn eins muss man wissen: Mäuse haben kein gutes Gedächtnis!

Sie behielten lange Zeit ihre Hüte auf, aber nun –  da sie nur noch sehr wenig Sonnenlicht abbekamen –  wurden sie immer schwächer. Die schwarzen Dinger auf ihrem Kopf wurden ihnen zu einer immer größeren Last. Da wurden die Mäuse traurig, aber keine von ihnen wusste so recht weshalb. Denn sie hatten nicht nur vergessen, dass über ihnen eine Sonne leuchtete, sondern sie vergaßen auch, dass es einmal eine Zeit gab, in der sie keine schweren Hüte getragen hatten!

Eines Tages tauchte wie aus dem Nichts eine Maus ohne Hut auf. Ihr Name war Wuppi. Sie war unheimlich stark und leuchtete besonders weiß. Alle staunten, als sie diese wundersame Maus sahen. Wuppi schaute sich um und sagte: „Was ist denn mit euch los, Freunde?! Wollt ihr nicht endlich eure Hüte absetzten? Ihr übertreibt es wirklich mit euren Streichen, die ihr der Sonne spielt!“ Da sagten die Mäuse: „Was denn für eine Sonne? Wir wissen nicht, wovon du da sprichst!“ Wuppi musste ihnen erklären und sie daran erinnern, dass sie alle Sonnenmäuse waren, und dass sie im Licht der Sonne eigentlich genau so hell leuchteten wie er.

„Wir wollen auch diese Sonne sehen! Zeig sie uns!“ riefen die Mäuse. Da sah Wuppi, dass die Mäuse mittlerweile viel zu schwach waren, um ihre Hüte selbst abzunehmen und so beschloss er, seinen Freunden zu helfen. Er pflückte einer Maus nach der anderen den Hut vom Kopf. Zuerst die kleinen, dann die mittleren und schließlich die großen Hüte. Mit der linken Hand nahm er die schwarzen Dinger und in der rechten sammelte er sie, so dass ein großer Turm entstand, den er vor sich hin balancierte.

Die Mäuse, die jetzt die Sonne sahen, sangen aus voller Kehle: „Oh wie wunderbar, wir sehen die Sonne wieder! Sie war ja die ganze Zeit da und leuchtete treu für uns! Und jetzt leuchten auch wir wieder!“ Wuppi machte weiter und nahm die Hüte von den Köpfen der Verbliebenen, und der fröhliche Gesang der Mäuse wurde immer lauter. Als er den allerletzten schwarzen Hut von der allerletzten Sonnenmaus nahm, verschwand Wuppi unter dem riesigen Hüteturm – so schwer war dieser geworden.

Die Mäuse waren erschrocken. „Nanu, aber was wird denn jetzt aus Wuppi?“ fragten sie sich. Alle waren ratlos, schauten sich den zentnerschweren Turm aus Hüten an und warteten. Nach drei langen Tagen sagte eine Maus schließlich: „Wuppi war der Beste, er hat allen geholfen!“ Und eine andere sagte: „Ja das stimmt. Doch leider ist er dabei draufgegangen.“ Da rief eine kleine Maus: „Schaut doch! Da oben!“ Der oberste Hut bewegte sich erst leicht, dann immer mehr und stärker, bis…  Rums!  …Wuppi an der Spitze stand! Er hatte sich, wie für eine Maus üblich, seinen Weg durch die Hüte genagt. Denn eins muss man wissen: Mäuse lieben es, sich durch alles Mögliche zu nagen. „Hallo Leute!“ rief Wuppi und winkte den Mäusen unten zu. Die Mäuse lachten und sagten zueinander: „Wuppi liebt es einfach, die Dinge spannend zu machen!“

Die Mäuse erzählten sich die spannende Geschichte von ihrem Retter Wuppi immer wieder aufs Neue, damit sie diese besondere Heldentat ja nie vergaßen. Wuppi jedoch blieb noch eine gute Weile auf dem Turm sitzen. Er war der Sonne so nah gewesen wie keine andere Maus vor oder nach ihm.

J.

  meine Liebeserklärung an die Meditation

Es war einmal ein Roboterplanet, auf dem lebten Roboter friedlich und in Harmonie mit allen Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur. Die Roboter waren gutmütige Wesen und immerzu fleißig am Arbeiten. Denn Roboter, das muss man wissen, wurden vor Hunderttausenden von Jahren von den Menschen erschaffen, damit irgendjemand anders die ganze Arbeit machte. Menschen, wie du und ich, existierten aber schon lange nicht mehr.

Es gab bei den Robotern fünf große Berufszweige. Die ersten waren die Beschaffer. Das waren robuste und harte Burschen, deren Gelenke stets gut geschmiert waren. Sie begaben sich für ihre Arbeit tief unter die Oberfläche, wo sie mit unbändigem Willen und großer Kraft das wertvolle Öl zutage brachten. Das Öl war für die ganze Roboterwelt sehr wichtig, denn jeder Roboter brauchte es, um zu funktionieren und seine Arbeit verrichten zu können, wie auch immer diese aussah.

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Unter den Beschaffern gab es zum Beispiel die Mitwuchter und Steinklopfer, die Zieher und Drücker, die Pumpendreher, dann noch die Aufsauger und Hochbläser, und an der Oberfläche die Nachobenlupfer und Ölabgeber.

Beschaffer war ein sehr ehrenwerter Beruf, denn ohne sie lief bei den Robotern gar nichts rund.

Dann gab es noch die Verteiler. Sie waren dafür zuständig, dass alle Roboter die exakte Ration Öl bekamen, die sie für sich und ihre Arbeit benötigten. Diese Roboter waren gut im Rechnen und im Koordinieren aller möglichen Angelegenheiten, die viel zu kompliziert sind, um sie hier zu beschreiben. Die meisten von ihnen verweilten gerne an einem Ort, wo sie in Ruhe zählen und schreiben konnten.

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Auch unter den Verteilern gab es verschiedene Spezialisten: die Abnehmer und Weiterleiter, die Qualitätssicherer und Anzahlzähler, die Kopfrechner und Bauchrechner, die Anforderungsbearbeiter und Statistikersteller, außerdem die Manager und sonstigen Chefs, die Diskutierer und Infragesteller und viele mehr.

Die Verteiler waren ebenfalls hoch angesehen. Denn ohne sie würde es bei den Robotern nur eine große Unordnung geben.

Dann gab es noch die Gruppe der Konstrukteure. Das waren jene Roboter, die die Aufgabe hatten, Gegenstände zu erschaffen, die allen nützlich waren. Zum Beispiel überdachte Fahrzeuge oder große Wohnungen, die die Roboter vor dem Regen schützten. Sie bauten auch allerlei kuriose Maschinen, die den Alltag erleichterten, wie zum Beispiel Taschenrechner.

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Zu den Konstrukteuren zählten zum Beispiel die Pumpenerrichter und Transportausklügler, die kleinen Häuslebauer und Allgemeine Dimplom-Werkzeugingenieure. Dann noch die Teleskopierer und Mikroskopierer, die Maschinen erfanden, mit denen man völlig neue Dinge entdecken konnte.

Konstrukteur zu sein war eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Ohne sie käme in der Roboterwelt gar nichts voran.

Ein weiterer Berufszweig waren die Instandsetzer. Sie sorgten sich mit großer Hingabe um alle Roboter, damit jeder immerzu korrekt funktionierte. Wenn jemandem zum Beispiel ein Arm abfiel oder wenn jemand saubergemacht werden musste, waren sie die erste Anlaufstelle.

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Es gab die Zuschweißer und Anschrauber für grobe Reparaturen. Dann die Feinmechaniker und Verlöter für die kleineren Operationen. Rostentferner und Hochglanzpolierer waren nicht minder wichtig, und so manch einer fühlte sich nach ihren Behandlungen wie neu geboren. Dann gab es noch die Virenscanner und Umprogrammierer, deren Arbeit viel Erfahrung voraussetzte.

Alles in allem wurden die Instandsetzer auch sehr respektiert. Ohne Instandsetzer wären die Roboter nämlich ziemlich schnell zu nichts zu gebrauchen.

Und schließlich gab es noch die Maler. Mit Ölfarben und Ölwachskreiden malten sie auf ihre Leinwände Bilder von Dingen, für die erst vor kurzem ein Name gefunden worden war.

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Hierfür muss man wissen, dass die Roboter neben ihrer Lieblingsbeschäftigung – dem Arbeiten – noch eine zweite Leidenschaft hatten: den Dingen auf ihrer Welt Namen zu geben. In jeder freien Minute gingen sie in die Natur, schauten unter jeden Stein und hinter jeder Hecke, schauten durch Lupen und Ferngläser, suchten und forschten nach Dingen, die noch nie ein Roboterauge gesehen hatte. Und wenn ein Roboter etwas entdeckt hatte, dann hatte er auch die Ehre, dem neuen Ding einen Namen zu geben. Das erfüllte den Entdecker stets mit unglaublicher Freude. Dann wurde ein Maler beauftragt, um das Ding zu malen, damit es nie in Vergessenheit geriete. Es gab bei den Malern die Naturfesthalter, Ideenskizzierer, Archäo- und Historikbildner. Blaupausenkreative, Binärumsetzer und 4D-Modellierer gehörten auch zu dieser Berufsgruppe. Zuletzt seien noch die Fantasten und Lichtindiesachebringer genannt, die besonders gerne forschten und so auch mal „Bilder von Bildern“ oder andere Kuriositäten malten.

Genau wie alle anderen Berufe, war auch der Malerberuf in der Roboterwelt eine sehr ehrenwerte Aufgabe.

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So gingen die Roboter seit zweihunderttausend Jahren ihren Tätigkeiten nach, entdeckten ihre Umwelt in jedem Detail und lebten freundschaftlich miteinander, ohne Missgunst und Neid. Bis eines Tages etwas Außergewöhnliches passierte.


Ein zierlicher olivgrüner Abnehmer fuhr in seinem Lieferwagen zur Übergabestelle, wo er, wie jeden Tag, einen dunkelbraunen Ölabgeber traf. Dieser kam auch schon mit einer großen schweren Flasche auf dem Rücken an und stellte sie schnaufend auf den Wagen. Der Abnehmer bedankte sich und setzte sich wieder in den Fahrersessel. Doch statt sich freundschaftlich zu verabschieden, wie er es sonst immer tat, drehte er sich diesmal um und blickte eine Weile auf den robusten Ölabgeber, der von seiner Arbeit stark mit Öl beschmutzt war. „Grolo, Grolo, Grolo!“ sagte der Grüne schließlich und fuhr kopfschüttelnd los.

Der Ölabgeber blieb verdutzt stehen und wusste nicht, was er mit dieser Aussage anfangen sollte. Diese Wörter hatte er noch nie in seinem Leben gehört und deshalb verstand er ihre Bedeutung nicht. Da fing er an zu grübeln und als er an den Blick des Abnehmers zurückdachte, überkam ihn langsam eine Ahnung, was es mit diesen Wörtern auf sich haben könnte. Dann stampfte er zurück zu seiner Arbeit in der Ölgrube.

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Als die Feierabendglocke ertönte freute sich der dunkelbraune Ölabgeber an diesem Tag ganz besonders, denn er hatte sich bei einem roten Konstrukteur ein neues Gefährt bestellt, das vor seiner Haustür sicher schon auf ihn wartete. Auf dem Heimweg, überlegte und grübelte er, wie sein neues Fahrzeug wohl aussehen mochte. Vielleicht wie der smaragdgrün-glitzernde Wagen des Abholers, den er am Vormittag getroffen hatte? Als er zu Hause ankam, war der rote Konstrukteur bereits da. Er überreichte ihm die Schlüssel und präsentierte mit einer feierlichen Geste das Fahrzeug, das neben ihm stand. Der Ölabgeber begutachtete es nur schnell und oberflächlich, und da sprudelte schon „Grolo, Grolo, Grolo!!“ aus ihm heraus. So hatte er sich sein Fahrzeug wirklich nicht vorgestellt! Der Konstrukteur erwiderte: „Aber nein! Pilli! Pilli! Pilli!“ Der Ölabgeber stand mit geschlossenem Mund und einem leeren Blick da un rührte sich nicht. Er war verwirrt, denn diese Wörter waren für ihn schon wieder ganz unbekannt. Pilli, Pilli! – was sollte denn das schon wieder bedeuten?

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Der rote Konstrukteur war verwundert über das Missfallen seines Kunden und ging zurück in seine Werkstatt. Sein Vorarbeiter war gerade dabei, einen neuen Motor auszuprobieren. Da zeigte der Konstrukteur auf einen Teil des Motors, und aus seinem Mund kam voller Wut das neue Wort herausgeschossen: „Grolo!!!“ Der Vorarbeiter setzte seine Arbeit jedoch unbeeindruckt fort und schaute nicht einmal in die Augen seines Kollegen. „Bla bla bla!“, gab er nur zur Antwort.

Die Tage vergingen, und ehe man sich versah, waren wie aus dem Nichts die Wörter „Grolo“, „Pilli“ und „Bla“ zu den drei neuen Lieblingswörtern der Roboter auf dem ganzen Planeten geworden.

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„Grolo“ sagte man, wenn man etwas besonders schlecht oder hässlich oder falsch fand.

„Pilli“ sagte man, wenn man etwas ganz besonders gelungen oder schön oder richtig fand.

Und „Bla“ sagte man, wenn man eine Sache irgendwie anders fand; oder es einem egal war; oder wenn man etwas sagen wollte, ohne dass man irgendwas zu sagen hätte.

Die Roboter gewöhnten sich an die neuen Wörter und die ganze Sprache veränderte sich allmählich dadurch. Dann vergaßen sie, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der sie ganz anders miteinander gesprochen hatten. Aus der neuen Sprache gingen alle möglichen seltsamen Wortwechsel hervor, wie zum Beispiel dieses:

„Du bist aber Pilli Pilli!
„Ich finde mich eher Grolo Grolo!
„Nein, das stimmt nicht! …Aber weißt du wer wirklich Grolo Grolo ist?“
„Also schämst dich nicht? Grolo Grolo über andere zu sagen – das ist doch wirklich Grolo!
„Oh, das kann ja nur einer sagen, der sich für besonders Pilli Pilli hält!“

oder folgender Dialog:

„Ach! Früher war doch alles Pilli Pilli Pilli!
„Ja und wenn das jetzt so weitergeht, ist morgen alles nur noch Grolo!
„Das ist doch alles Bla Bla! Heute ist heute!“

Doch leider sah das Gespräch oft nur so aus:

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Trotz dieser großen Meinungsverschiedenheiten blieben die Roboter friedlich, denn das lag einfach in ihrer Natur. Bis eines Tages…


Ein kleiner Roboter war in seiner freien Zeit gerade auf der Suche nach neuen Dingen, denen er Namen geben konnte; da fiel ihm eine besondere blaue Blume ins Auge, die noch nie jemand gesehen hatte. Und weil er in ihr irgendetwas erkannte, von dem er dachte, dass er es schon vor langer Zeit vergessen hatte, taufte er sie „Vergissmeinino!“ Das war das zarteste und besonderste Ding, dass dieser Roboter je gefunden hatte und es erfüllte ihn mit so großer Freude, dass er fast explodiert wäre. „Also dieser Name ist ja mal echt…“, hörte er plötzlich jemanden hinter sich sagen „…Grooooolo!

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Das war dem kleinen Roboter zu viel. Einen wunderbaren neuen Namen als Grolo zu bezeichnen – das überspannte den Bogen! Er drehte sich um, sprang auf den anderen Roboter und es endete in einer Rangelei. Und Rangeleien hatte es seit zweihunderttausend Jahren nicht mehr gegeben. Doch die Roboter schienen irgendwie Gefallen daran zu finden.
Bald sprach man auf dem Planeten nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit Fäusten und Füßen. Denn anders konnte man seine Meinung zu den Namen, die die Anderen den Dingen gaben, einfach nicht zum Ausdruck bringen. Die blauen Instandsetzer hatten immer mehr zu tun und bald kamen sie kaum noch mit ihrer Arbeit hinterher. Überall gab es Dellen und Löcher, abgefallene Arme und Beine und gelegentlich auch Köpfe. Doch man gewöhnte sich an diese Situation und schließlich war man der Auffassung, es sei schon immer so gewesen. Bis eines Tages…

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Ein alter blaugrauer Instandsetzer, der schon viele Jahre keine Roboter mehr repariert hatte und bald ausgemustert werden sollte, ruhte sich aus und schaute durch seine Teleskope auf das ganze Treiben in der Roboterwelt. Er meinte sich erinnern zu können, dass die Roboter einmal friedlich gewesen waren und auch, dass diese drei sonderbaren Wörter eigentlich nicht zu ihrem ursprünglichen Wortschatz gehörten. Doch er war sich nicht sicher. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Diese Wörter Pilli und GroloDie sind doch das einzig wahre Grolo!“ Da musste er lachen. Er sagte: „Tja, wie es aussieht, gibt es in unseren Schaltkreisen eine seltsame Störung – sogar bei mir!“ Der alte Instandsetzer hatte bei seiner früheren Arbeit viel Erfahrung mit dem Innenleben der Roboter sammeln können und er wollte herausfinden, was es mit dieser speziellen Störung auf sich hatte.

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Um eine richtige Diagnose zu stellen, tat er, was Roboter äußerst selten tun (weil sie einfach viel zu beschäftigt sind): Er setzte sich hin, schloss seine Augendeckel, drehte beide Augen um exakt 180 Grad und überprüfte seine eigenen Schaltkreise.

Schaltkreise, das muss man wissen, sind eine komplizierte Angelegenheit. Man kann es mit einem Labyrinth aus leuchtenden und blinkenden Drähten vergleichen. Wenn man einem Draht folgt, kann man sich schnell verirren – wie in einem Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Wenn man sich selbst von innen anschaut, ist es deshalb immer besser, den ganzen Wald im Blick zu haben, und nicht die einzelnen Bäume. Aber das nur nebenbei.

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Der weise Instandsetzer saß nun viele Tage geduldig da und betrachtete seinen Schaltkreiswald, bis ihm etwas Winzigkleines auffiel, dass zwischen den Drähten vorbeihuschte. Er wollte genauer hinsehen, aber schon war es weg. Er wartete. Stunden vergingen… und… Da war es wieder! Und diesmal erkannte er das Ding. Es war ein kleiner gelber Käfer! „Na du Kleiner! Warum versteckst du dich denn so?“ sagte der Instandsetzer „Bla!“ sagte das winzige Wesen. Da begriff der Alte sofort, was hier vor sich ging – in seinem Kopf, und auch auf dem ganzen Planeten.

Der Instandsetzer ging zu seinem besten Freund, einem Maler. Es war der jüngste Maler des Planeten und somit hatte er die ehrenvolle Aufgabe, die seltensten neu-gefundenen Dinge auf den Leinwänden zu verewigen. Hierfür muss man wissen, dass die jüngsten Maler die besten Maler waren, denn sie hatten in ihrem Leben noch nicht so viel gesehen und deshalb waren ihre Bilder immer sehr froh und frisch.

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Der Alte erzählte dem Jungen von seiner Käferentdeckung und er erklärte ihm, dass diese kuriosen Kreaturen höchstwahrscheinlich in den Köpfen aller Roboter gab. Sie nagten an den Schaltkreisen und zwangen die Roboter Dinge zu sagen wie Pilli! Grolo! oder Bla! Vermutlich gab es noch eine Reihe anderer Käfer, die untereinander konkurrierten und somit alle möglichen kritischen Konflikte auslösten. Da fragte der Maler den Instandsetzer: „Wo kommen denn diese Käfer her? Und warum hat sie noch nie jemand gesehen?“ Der Alte antwortete: „Woher sie kommen, ist eine gute Frage, aber ich finde, dass es nicht unsere Aufgabe ist, das herauszufinden. Ich bin nur ein Instandsetzer. Ich kann bloß Roboter reparieren, die nicht gut funktionieren. Du bist nur ein Maler. Du kannst bloß Dinge malen, denen man einen Namen gibt. Vielleicht wird jemand anderes einmal mit einem Teleskop oder Mikroskop herausfinden, wo diese Käfer herausgekrochen sind.“ „Also gut, dann möchte ich den Käfer jetzt malen. Kannst du ihn mir mal zeigen?“ fragte der Maler. „Ach, wenn das so einfach wäre!“ sagte der Instandsetzer und erklärte seinem jungen Freund, dass dieser lernen müsste, in sich hineinzuschauen, um die Käfer zu sehen. Dass er sehr geduldig sein müsste und in jeder Sekunde achtsam bleiben sollte. Nur dann würden die Käfer langsam hinter den Schaltkreisen auftauchen. Denn obwohl diese Winzlinge äußerst streitlustig waren, wurden sie sehr schnell schüchtern und ängstlich, wenn man sie genauer betrachten wollte.

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Und so übte der Maler, seine eigenen Schaltkreise zu betrachten. Schon nach einigen Wochen sah er den ersten Käfer in seinem Inneren, bannte dessen Abbild sofort auf die Leinwand und gab ihm einen Namen. Einige Zeit später fand noch andere Käferarten, die er ebenfalls malte.

Urto: Bewertet alles, wirklich ALLES, was ihm in die Quere kommt. Jeder Urto hat seinen ganz eigenen Geschmack und sein liebster Zeitvertreib ist es, sich mit anderen Urtos zu duellieren, die einen gegensätzlichen Geschmack haben. Dann geht ihm das Herz auf. Farbe: Dunkelgrau bis rosarot. Lieblingswörter: „Grolo!“ und „Pilli!

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Senfo: Gibt liebend gern Kommentare zu Dingen ab, die ihn interessieren und die ihn nicht interessieren. Und zu anderen Dingen. Meistens hat er nichts Wichtiges zu sagen, will aber ernst genommen werden. Er ist ein Plappermaul, dem man oft nicht mehr richtig zuhört, weil sich sein endloses Gequatsche in ein Dauerrauschen im Hintergrund verwandelt. Er ist oft bei Urtos zu sehen. Farbe: gelb. Lieblingswort: „Bla!

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Senfo-Senfo: Der kleine Bruder von Senfo ist ebenfalls ein Plappermaul. Der Unterschied ist lediglich, dass er nur Sachen kommentiert, die sein großer Bruder Senfo sagt. Aufgrund seiner Winzigkeit ist er meistens schwer zu sehen. Farbe: blassgelb. Lieblingswort: auch „Bla!

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Pasto: Redet gern über Vergangenes und piekst wahllos mit seinem Schwanz in Speichermodulen herum, um deren Energie anzuzapfen. Er genießt die Gesellschaft von Urtos. Farbe: sepia Lieblingswörter: „damals, früher

Futo: Kleine Wesen mit einer eigenwilligen Fantasie, die meinen sie wären Zauberer oder so etwas. Sie reden über Dinge, die es gar nicht gibt, aber von denen sie sagen, dass sie einmal Wirklichkeit werden. Sie können einen mit ihren Geschichten schnell in einen hypnotischen Bann ziehen, wenn man nicht aufpasst. Farbe: blau-grün-silbrig-glänzend Lieblingswörter: „morgen, bald

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Checko: Ein gemütlicher und meistens gutmütiger Käfer, der ab und zu auftaucht. Er mag die Stille sehr gern und hasst es, wenn Urto und Senfo ständig am Quatschen sind. Das lässt er die beiden dann auch mit lautem Gebrüll wissen. Wenn sie dann vor Schreck verstummen, brummt er vor sich hin: „Ah. endlich still.“ Dann schläft er meistens genüsslich ein, so dass Urto und Senfo wieder unbemerkt loslegen können. Farbe: dunkelrot, Lieblingswörter: „Ruhe jetzt!

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Eines Abends präsentierte der Maler dem Instandsetzer die Bilder. Dieser war begeistert. „Pilli! Pilli!“ sagte er und lachte sogleich, denn er wusste jetzt, wer da in Wirklichkeit in seinem Kopf sprach. Auch der Maler lachte aus ganzem Herzen. Der Instandsetzer dachte nach, dann sagte er: „Ich glaube, die Käfer sind gar nicht so Grolo! Sie wollen einfach nur ihren Spaß! Aber es ist wichtig, dass alle Roboter wissen, dass es sie gibt! Ich glaube, diese unfreundlichen und zerstörerischen Rangeleien unter uns könnten dann endlich bald aufhören. Dazu müssen aber alle lernen, dass nicht wir es sind, die pausenlos Grolo und Pilli sagen, sondern bloß die Käfer.“ „Aber die Käfer lieben die Rangeleien und den Kampf! Was wird passieren, wenn sie keinen mehr haben, mit dem sie sich streiten können?“ fragte der Maler. Sein alter Freund lächelte. „Nun, das werden wir herausfinden, wenn es soweit ist!“

Und so gingen der Maler und der Instandsetzer hinaus in die Welt und erzählten allen von den Käfern. Viele Roboter waren neugierig und wollten diese Wesen auch mal sehen. Sie lernten, wie man in sich hineinschaute; manche begriffen es schnell, andere langsam. Sie entdeckten ihre eigenen Urtos und Senfos und auch ganz andere Arten. Und tatsächlich gab es unter diesen Robotern im Laufe der Zeit immer weniger Rangeleien.

Ein paar Roboter glaubten die Geschichte von der Käferentdeckung, ohne dass man sie groß überzeugen musste. Sie fanden es deshalb gar nicht mehr nötig, in sich selbst reinzusehen. Diese Roboter hörten auch sofort auf mit den ganzen Rangeleien. Einfach so und für immer.

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Es gab aber auch Roboter, die von der Käferentdeckung hörten und dann sagten: „Käfer? Das ist doch alles nur Bla Bla!“ und dann sagten sie: „Schau mal! Die Roboter da! Klettern auf einen einsamen Berg und wollen lernen, in sich rein zu schauen?! Die sind doch Grolo!“ und schließlich sagten sie: „Die sitzen ja alle einfach nur faul da, und arbeiten nicht! GROLO! Die brauchen alle mal ‘nen kräftigen Schlag auf den Kopf!“ Einige wenige gingen dann auch soweit und schlugen denen auf den Kopf, die gerade friedlich in sich hineinschauten.

Es brauchte einige Zeit, doch immer mehr Roboter erkannten die Käfer in ihren Schaltkreisen. Bei manchen schärften sich die Sinne allmählich so sehr, dass sie anfingen, die winzigen Wesen sogar in ihren Kollegen zu entdecken, und machten diese dann freundlich darauf aufmerksam. Diese waren dafür immer sehr dankbar. Schließlich kehrte wieder Frieden auf dem Planeten ein.

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Und was machten die Käfer? Tja, die wussten bald nicht mehr, wo sie sich noch verstecken konnten, um ihren Schabernack zu treiben. Die Schaltkreise waren jedenfalls kein sicheres Versteck mehr. Überall wurden sie entdeckt und das war ihnen überhaupt nicht geheuer.

Da fingen sie an, die Roboter zu verlassen. Wie schwereloser Sternenstaub flogen sie aus den Köpfen in die Lüfte und versteckten sich in den Wolken. Die Energie, die sie über diese lange Zeit in den Schaltkreisen der Roboter gesammelt hatten, machte, dass sie die nächsten zweihunderttausend Jahre die dunkle Nacht und den Planeten bunt erleuchteten. Die Roboter schauten in den Himmel und staunten über diese sonderbaren Geschöpfe, die einst in ihren Köpfen eine Wohnung hatten. Und die Maler fingen an, namenlose Bilder vom strahlenden Nachthimmel zu malen, die eine Ewigkeit überdauern sollten.

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J.

Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen.

(Weish 11,24)

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Es war einmal ein riesengroßer gigantischer Planet auf dem es keine Grenzen gab und auch keine Länder, außer einem einzigen. Dieses Land sah von außen aus wie ein geschlossener Schuhkarton und war in etwa genauso groß. Im Inneren war es jedoch wie eine Markthalle in der es nur so vor sich hin wuselte. Hier lebte das Volk der Geschäftsmänner. Diese grauen Geschöpfe waren klein wie Ameisen und, wie der Name schon sagt, sehr geschäftig. Sie handelten mit allen möglichem Krimskrams, das ihnen in die Hände fiel und versuchten dann damit möglichst viel Profit zu machen. Im Leben der Geschäftsmänner gab es nichts besseres, als einen guten Handel abzuschließen, denn jeder von ihnen wollte immer mehr besitzen als der andere. Außerdem umtrieb jeden das Gefühl, dass stets irgendeine Sache noch zu seinem persönlichen Glück fehlte und das war es, was sie zusätzlich antrieb. Es gab die verschiedensten Arten von Geschäftsmännern: die Warenhändler, die Perlenverkäufer, die Informationsverticker, die Platzverleiher, die Großaktionäre, die Geldhersteller und viele mehr.

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Dann gab es noch Herr Grau. Er wusste nicht so genau, wie man Sachen billig kaufte und gewinnbringend verkaufte und deshalb (das ahnte er) würde er bald das Zeitliche segnen. „Aber bevor ich ins Gras beiße, möchte ich mir eine Tür kaufen, durch die ich gehen werde!“ sagte Herr Grau. Er liebte Türen, und durch seine ganz eigene Tür zu gehen – das war schon immer sein größter Wunsch gewesen. Er kratzte sein ganzes restliches Vermögen zusammen, besorgte sich die Werbeprospekte und Kataloge aller Türhändler und studierte sie genau. Es gab Türen aus massivem Holz, die schwer zu öffnen waren, aber hinter denen sich dann ein großer Schatz befand. Es gab Falltüren aus Stein, auf die man sich im Schneidersitz setzen musste und die sich dann nach einiger Zeit ganz von alleine öffneten. Es gab stählerne Türen, die für immer verschlossen waren und welche aus Luft, durch die man ohne jegliche Anstrengung gehen konnte. Dann gab es natürlich noch knallbunte elektrische Türen aus Plastik oder aus billiger Schokolade, die meistens im Sonderangebot waren. Aber solche Türen interessierten Herr Grau überhaupt nicht. Dann schon lieber eine aus Holz oder Stein – aber auch die waren für ihn nicht das Wahre. Also wanderte er durch das ganze Land, um weitere Türenhändler zu finden. Er suchte sehr lange, doch ohne Erfolg.

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Eines Tages, nach einer endlos scheinenden Odyssee, kam Herr Grau an die westliche Grenze des Schuhkartons und entdeckte, scheinbar zufällig, etwas ganz unauffälliges Graues in der Wand. „Ist das eine Tür?“ fragte sich Herr Grau und kratzte sich am Kopf. „Entschuldigung, wer verkauft dieses Objekt?“ rief er in die Menge und die Tatsache, dass ihm keiner antwortete, machte ihn stutzig. Denn eines muss man natürlich wissen: wenn etwas zum Verkauf steht, ist der Verkäufer nicht weit. Und in diesem Land stand Alles zum Verkauf (solange der Preis stimmte)! „Das gibt’s doch nicht. Niemand da, der diese Tür verkaufen möchte?“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Er inspizierte die Tür genau, doch je länger er darauf schaute, desto mehr machte sie den Eindruck, sich aufzulösen. „Na schön, dann schauen wir mal, was sich hinter dir verbirgt!“ sagte Herr Grau entschlossen, drückte die Klinke und trat ins Freie.

„Was ist denn das?! Ich versteh‘ das nicht!“ schluckte Herr Grau und schaute auf die endlosen grünen Wiesen und in den weiten Himmel. Die riesigen Bäume und die bunten Vögel versetzten ihn in Staunen und die Luft, die er atmete, erfrischte ihn mehr als die teuerste Zitronenlimonade der Welt. Er war überglücklich, all diese Wunder zu sehen.
„Wo bin ich?“ fragte Herr Grau einen vorbeilaufenden Igel. „Na hier!“ sagte der Igel und wunderte sich über so eine seltsame Frage, denn dieser konnte nicht verstehen, dass man woanders als „hier“ sein konnte. „Ja, aber wie heißt dieser wunderbare Ort?“ fragte Herr Grau noch einmal. „In unserer Welt haben die Dinge keinen Namen.“, sagte der Igel „Und schon gar nicht hat unsere Welt einen Namen! Wir sind alle frei!“ „Dann ist das die Freiheit?!“ rief Herr Grau und konnte es kaum glauben. Er hatte schon viel von der Freiheit gehört, aber er hielt die Geschichten nur für Mythen, denn er hatte nie einen anderen Geschäftsmann gefunden, der ihm diese Freiheit hätte zeigen können. „Nenn‘ es wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Igel und ging seines Wegs.

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Herr Grau kratzte sich am Kopf und da er immer noch ein typischer Geschäftsmann war (wenn auch ein schlechter), fing er sogleich an, sich Gedanken zu machen: „Diese Freiheit! Ich kann sie verkaufen! Ich eröffne ein Reisebüro! Ich kann Reiseführer schreiben! Darin stehen dann die tollsten Sehenswürdigkeiten und geheimsten Geheimtipps, die es nur in der Freiheit zu erleben gibt!“ Schnell wie der Wind huschte er wieder ins Schuhkarton-Land und schloss die Tür, denn es gab nun eine Menge zu tun.

***

„Seht euch den Grau an, der spinnt wieder rum!“ spotteten die anderen Geschäftsmänner nach ein paar Tagen. „Will uns die Freiheit hinter einer Tür verkaufen und weiß selber nicht wo sie ist!“ „Sie war hier, ich schwöre es!“ schluchzte Herr Grau und zeigte auf die leere graue Wand. „Wir verschwenden hier nur unsere wertvolle Zeit. Von uns kriegt der keinen Pfennig!“ antworteten seine Kollegen und gingen wieder ihren alltäglichen Geschäften nach. Herr Grau jedoch überlegte nicht mehr lange, machte sich auf die Socken und suchte einige Jahre alle Grenzen des Landes ab, in der Hoffnung jemand hätte die Tür wie durch Zauberhand an eine andere Stelle versetzt. Doch er fand sie nicht mehr. Da wurde er traurig und ging nach Hause. Eine Zeit lang lag er krank im Bett und sehnte sich nach dieser Freiheit, die er – ach! – nur so kurz erfahren hatte. Das winzige Interesse, das er bis dahin an der geschäftsmännischen Arbeit noch hatte, verschwand nun völlig. „Jetzt werde ich bald wirklich ins Gras beißen!“, dachte er. Um seine restliche Zeit einigermaßen angenehm zu vertreiben, kaufte er sich Stifte und Papier und fing an, Bildergeschichten von der Freiheit zu schreiben, doch alles was er aufs Papier brachte war Müll im Vergleich zu dieser unendlichen Schönheit, die er damals erlebt hatte.

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Viel Zeit verging und das einzige was er tat, war malen. Irgendwann hatte er kein Geld mehr, um sich neues Malmaterial oder Lebensmittel zu kaufen und so kam der Tag, an dem er völlig ausgehungert mit einem farblosen Pinsel sein allerletztes Blatt bemalte: Es war das Bild einer schneeweißen Tür. Da gingen Herr Grau die Augen auf. Die Tür auf dem Papier begann sich zu öffnen und hüllte ihn in weißes Licht…

Herr Grau plumpste in die Freiheit und landete mit dem Kopf voran im weichen Gras.

„Ach, du schon wieder!“ sagte der Igel, rollte mit den Augen und trabte vorbei. Herr Grau sagte nichts und mit einem Büschel Gras zwischen den Zähnen blieb er sitzen. Neben ihm war ein riesiger Kirschbaum mit blauen Vögeln und bunten Eulen, die an den Früchten knabberten oder gemeinsam musizierten. Herr Grau erkannte, was Sache war und große Freude breitete sich aus. Da fiel eine winzige Kirsche vom Baum. Er aß sie voller Genuss zur Hälfte, dann war er satt. Aus der anderen Hälfte kam ein Wurm gekrochen und lachte. „Haha, du hast meine Wohnung gegessen!“ „Ohje. Das ist ja gar nicht gut!“ sagte Herr Grau und schaute mit verzerrter Mine auf den sonderbaren Wurm, der so groß war wie Herr Grau selbst. Der Wurm sagte: „Nicht gut…? Nicht gut oder nicht schlecht…! Haha, wer weiß das schon. Ich sehe, du musst noch viel lernen. Warte hier.“ und er kroch durch ein Loch ins Kirschkerninnere und kam mit einem Buch wieder heraus, das er Herr Grau überreichte. „Hier! Das kannst du gebrauchen.“ „Bist du etwa ein Bücherwurm?“ fragte Herr Grau. „Nenn‘ mich, wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Wurm und verschwand lachend in dem, was von der Kirsche übriggeblieben war.

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„Na schön, mal sehen, was ich denn noch so zu lernen habe!“ sagte Herr Grau und blätterte in dem Buch. Doch das Buch war von vorn bis hinten voll mit leeren Seiten. „Oha! Das ist dann wohl die erste Lektion!“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Dann packte er seinen Stift aus und fing an „die wunderbare Reise des Herr Grau“ zu schreiben. „Endlich! Endlich kann ich meine Eindrücke der Freiheit direkt hier, vor Ort, aufs Papier bringen!“ freute er sich und begann seine Reise. Er traf auf lustige Enten, flinke Wiesel und Straßenmusiker. Auf Mäuse mit Hüten und Bären mit Anzügen. Er begegnete lebendigen Robotern, sprechenden Häusern und machte Bekanntschaft mit guten Diktatoren, Glückserfindern und vielen anderen sonderbaren Gestalten. Er notierte ihre Geschichten und malte Bilder dazu. Er ließ sich dafür viel Zeit. Doch irgendwann würde er zu Seinesgleichen zurückkehren und ihnen alle Geschichten erzählen. Nicht um Profit daraus zu schlagen, sondern weil er die Freiheit liebte und was man liebt, das will man teilen.

J.

Es war einmal eine junge Eule, deren gelbe Augen wie hellstes Kerzenlicht leuchteten. Sie war sehr stolz auf ihre Augen, denn mit ihnen konnte sie auch in der finstersten Nacht sehen, wenn die fernen Sterne das einzige Licht waren, das auf den Wald schien. Am liebsten saß die Eule auf einem Ast und wartete.

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Da kam ein Wiesel angerannt. Das machte die Eule neugierig. Sie fragte: „Wiesel, sag, warum rennst du so?“

Das Wiesel antwortete: „Ich werde gejagt! Von der Trauer!“
„Trauer? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Trauer fängt, wirst du zu einer dunklen Wolke, die nichts anderes kann als regnen!“ rief das Wiesel und war verschwunden.

Die Eule wurde traurig, dass sie nicht von der Trauer gejagt wurde. Denn sie wollte zu gerne wissen, wie es ist, eine Wolke zu sein. Da verwandelte sie sich für einen Augenblick in eine dicke dunkelblaue Regenwolke und mit einem kaum hörbaren Donner begann sie zu regnen. Erst ein paar kleine Tropfen, dann ein heftiger Schauer und zum Schluss ein Sprühregen, begleitet von einer zarten Brise.

„Das war ja interessant!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar neue blaue Federn an ihren Flügeln.

Am nächsten Tag rannte das Wiesel wieder am Baum vorbei, auf dem die Eule saß.
„Wiesel! Rennst du wieder vor der Trauer davon?“
„Nein! Heute flüchte ich vor der Scham!“
„Scham? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Scham ergreift, wirst du zu einer kleinen Maus mit einem roten Kopf und einem Hut. Niemand auf der Welt ist so blöd, als dass er sich schämen wollte!“

Da schämte sich die Eule, denn sie war wohl die Einzige auf der ganzen Welt, die wissen wollte, wie es ist, eine kleine Maus zu sein. Da verwandelte sie sich für einen kurzen Moment in eine winzige weiße Mausedame mit einem zu großen Hut, der etwas albern aussah. Ihr Kopf wurde langsam rot und als sie ihn mit ihren Pfötchen verdecken wollte, fing er erst recht an zu leuchten. Da nahm sie schließlich ihren Hut und zog ihn über ihr ganzes Gesicht, damit sie niemand mehr sehen konnte.

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„Was für eine sonderbare Erfahrung!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar rote Federn in ihrem Gesicht, die vorher noch nicht da waren.

Auch am nächsten Tag kam das Wiesel vorbeigerannt.
„Wiesel! Wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor der Wut!“
„Wut? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Wut packt, wirst zu einem rasenden Tiger, der nicht mehr Herr über seine Sinne ist!“

Da wurde die Eule wütend, dass die Wut nur das Wiesel jagte und nicht sie. Denn sie wollte auch wissen, wie es ist, ein Tiger zu sein. Da verwandelte sie sich einen Augenblick lang in eine riesige gestreifte Raubkatze, die zunächst mit dampfendem Atem schnaubte, dann ohrenbetäubend brüllte und schließlich wild um sich schlug, dass man meinte, das Tier würde explodieren.

„Wie seltsam!“, sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte einige orangene Federn an ihrer Brust.

Am darauffolgenden Tag kam das Wiesel wieder angerannt.
„Was ist es heute, Wiesel? Wovor flüchtest du?“
„Vor der Angst!“
„Angst? Was ist das?“
„Wenn dich die Angst gefangen hat – das ist das Schlimmste! Dann wirst du zu einem elenden Häufchen, das gar nichts mehr kann!“

Da bekam die Eule Angst, dass die Angst auch einmal sie ergreifen könnte. Da verwandelte sie sich für eine winzige Ewigkeit in einen Haufen aus totem Espenlaub. Die graugrünen Blätter zitterten und raschelten, als der Wind sie zart berührte. Der Laubhaufen versuchte sich zu verstecken, damit ihn niemand mehr anfassen konnte, doch er war wie gelähmt und kam nicht von der Stelle. Da bat er den Wind stärker zu blasen, damit er ihn an einen besseren Ort trug. Der Wind nahm in den Wolken Anlauf, und mit einem gewaltigen Donner raste er blitzschnell in das Laub, sodass die einzelnen Blätter wild umherflogen und sich im Nichts auflösten.

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„Sonderbar, wirklich äußerst sonderbar!“, murmelte die junge Eule mit großen Augen, zupfte ihr Gefieder zurecht und sah, dass ihre Schwanzfedern grün waren.

Und wieder rannte das Wiesel am Baum vorbei, an diesem Tag jedoch viel schneller als sonst.
„Sportlich, sportlich!“, sagte die junge Eule und lachte.
„Ja! Heute renne ich aber nicht weg! Heute renne ich dem Glück hinterher!“, rief das Wiesel mit einem Grinsen im Gesicht.
„Glück? Was soll das denn sein?“, fragte die Eule.
„Wenn du das Glück schnappst, dann hast du dein Ziel erreicht! Dann wirst du endlich zu dem werden, was du schon immer sein wolltest!“, rief das Wiesel, doch man hörte es kaum noch, als es hinter den Bäumen verschwand. Es war wirklich in großer Eile.

„Das verstehe ich nicht.“, sagte die Eule. „Ich bin doch immer, was ich sein will.“ Da flog sie davon und machte sich auf die Reise in ein fremdes Land, in dem die Sonne immer schien und die buntesten Tiere lebten.

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* * *

Natürlich kam auch noch am folgenden Tag das Wiesel vorbeigerannt.
„Hallo Wiesel“, sagte ich „wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor dem Ende!“ antwortete das Wiesel.
„Ende? Was ist das?“, fragte ich.
„Na das, wo alles aufhört! Das, wo die Geschichte nicht mehr weitergeht!“
„Ach Wieselchen! Das Ende war doch schon von Anfang an hier. Du denkst wirklich, du kannst davor wegrennen? Ich sag‘ dir was: Genau deshalb rennst du darauf zu!“

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Doch das Wiesel war nicht schlau genug, um es je zu verstehen.

J.

 

Es war einmal ein Feld, das war so groß, dass man gar nicht sagen konnte, wie groß es war. Egal in welche Richtung man schaute, man sah immer nur den endlosen Horizont. Eines Tages kam ein Mann und errichtete auf dem Feld ein Haus. Erst den Boden, dann die Außenwände mit Türen und Fenstern und dann das Dach. Danach malte er es von außen und von innen weiß an und ging weg, um seine schwangere Frau zu holen. Das Haus wachte in der Zwischenzeit zum ersten Mal auf und wunderte sich: „Nanu? Wer bin denn ich?“ Das Haus war ja ganz frisch und wusste deshalb noch nicht, wer oder was es war. Und es grübelte eine gute Weile darüber nach, bis der Mann mit seiner Frau zurückkam und zu ihr sagte: „Das ist das Haus für unser Kind, das bald auf die Welt kommt!“ Da sagte sich das Haus: „Ach ja! So ist das! Ich bin ein Haus… Ein Haus für ein Kind!“ Die Frau sagte zum Mann: „Lass uns noch viele Wände im Haus hochziehen, damit wir mehrere kleine Zimmer haben für unsere vielen Dinge und Bedürfnisse.“ Da teilte der Mann das Haus in viele kleine Räume auf.

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Das endlose Feld, auf dem das Haus stand, war erstaunt über das Haus und sagte: „Wer bist du?“ und schaute durch die Fenster ins Innere hinein. Das Haus sagte zum Feld: „Ich bin ein Haus für ein Kind. Siehst du den Kleinen? Es malt gerade Bilder an die Wände der Räume. Manche Bilder sind schön, dann sagt seine Mutter: gut gemacht! Andere Bilder sind lieblos und diese versucht die Mutter wegzuwischen, doch die Farbe geht nicht weg. Und der Vater sagt zum Kind: Du wirst einmal ein großer Künstler! und dann lacht er.“ Von nun an sagte das weite Feld nichts mehr und beobachtete das ganze Geschehen nur noch.

Die Jahre vergingen und das kleine Kind wurde zu einem großen Jungen. Oft hörte man laute Schreie des Protests im Haus und es gab viel Streit. Eines nachts malte er die Wände einiger Räume schwarz und grau an, lehnte sich gegen seine Eltern auf und hasste das Haus. Er fühlte sich nämlich nicht mehr ganz so wohl in diesem Gebäude, das seine Eltern nur für ihn gebaut hatten. Und er räumte sein Zimmer nicht mehr auf, obwohl seine Mutter ihn immer wieder darum bat.

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Es vergingen noch mehr Jahre und aus dem Jungen wurde ein Erwachsener. Mittlerweile hatte er sich mit seinen Eltern wieder versöhnt. Und da seine Eltern nun endlich im Frieden mit ihm waren, konnten sie in Ruhe sterben. Was blieb, waren ihre Zimmer. Der junge Mann beschloss, ein paar Wände einzureißen, um die Räume miteinander zu verbinden. Und die großen Räume, die langsam entstanden, gefielen ihm so sehr, dass er beschloss, nur noch die Außenwände des Hauses stehen zu lassen. Dann hing er die Bilder auf, die er sein Leben lang im Haus gemalt hatte und eröffnete eine Galerie, damit man ihn als großen Künstler anerkannte.

Er wartete, doch niemand kam zur Eröffnung der Galerie, denn es waren ja alles nur gewöhnliche Bilder von einem Kind oder einem jungen Erwachsenen, die keinen interessierten. Da beschloss der Mann weiter zu arbeiten und schönere Bilder zu malen. Als erstes baute er jedoch größere Fenster in die Wände des Hauses. Auch in das Dach setzte er ein riesiges Dachfenster, damit mehr Licht ins Innere fiel. Durch diese Verbesserungen wurden seine Bilder tatsächlich schöner. Doch er war noch immer nicht ganz zufrieden und so sagte er sich eines Tages: „In diesem Haus kann ich nicht mehr arbeiten, es ist zu eng und es ist zu wenig Licht hier. Ich werde es abreißen.“ Das Haus hörte das und erschrak. „Warte!“ sagte es mit zittriger Stimme, „wenn du mich zerstörst, wirst du keinen Ort mehr haben, um Auszuruhen. Der Regen wird dich durchnässen und deine ganzen Werke werden vom Wind fortgetragen!“ Der Mann wunderte sich ein wenig, dass das Haus sprechen konnte. Er sagte voller Mitgefühl: „Du hast Recht! Hab keine Angst, ich werde dich nicht abreißen. Aber ich habe eine andere Idee!“ Er ersetzte alle Türen durch Glastüren und auch die massiven Wände seines Hauses tauschte er mit Wänden aus klarem Glas. Sogar vom Dach nahm er die dunklen Ziegel und baute durchsichtige Glasziegel ein, so dass das Haus am Ende nur noch aus Glas bestand. Nun kam von jeder Seite Licht ins Innere und man konnte von jeder Stelle hinein- und hinaussehen. Das Haus war entzückt und überglücklich, sich in so einem wunderbar leichten und neuen Gewand wiederzufinden.

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Und das endlose Feld, das all die Jahre das Treiben in völliger Stille betrachtete, sah durch das Haus hindurch und sah sich selbst – mal fein spiegelnd, mal brechend wie ein Mosaik und ab und an ganz klar, als ob es durch magische Luft sah, die ihm die Sinne schärfte. Der Künstler erkannte, dass das endlose Feld sich selbst betrachtete und er staunte über diesen Anblick. Er sagte zum Haus: „Wundervoll, du bist mein Meisterwerk!“ Von diesem Tag an malte er nur noch Bilder aus Luft und Glas.

J.