1. Kuti Hüb

„Hallo! Es war einmal ein Mann, der hatte echt ‘nen miesen Tag. Zuerst leerte er am Morgen den Kaffee über sein Hemd und am Nachmittag hat sein Chef ihn richtig zur Sau gemacht. Nach Feierabend ging der Mann in eine Bar, um seinen Freund zu treffen. Er hoffte, bei ihm ein wenig Mitgefühl zu finden. Ende.“
„Oh je, so ein armer Pechvogel! Aber es war auch einmal ein anderer Mann, der war seit einem Monat pleite, weil seine Frau ihn verlassen hatte und er hatte nicht einmal mehr Geld für eine Flasche Bier und er hoffte, dass sein alter Freund ihm eines spendieren würde! Ende.“

So oder so ähnlich konnte ein Gespräch zweier Männer aus dem Volk der Bajakas aussehen, die sich nach Feierabend in ihrer Stammkneipe trafen. Geschichtenerzählen gehörte bei den Bajakas zum Leben genauso wie Nahrung oder das Atmen.  Man erzählte sich Geschichten, um zu wissen, wie es einem ging oder was man erlebt hatte. Man bediente sich ihrer aber auch, um seine Wünsche zu äußern oder im Anderen Emotionen zu wecken.

Des Weiteren wurden Geschichten auch dafür benutzt, um wichtige Dinge zu lehren und zu lernen. In allen Wissenschaften erklärte man die neusten Errungenschaften und Erkenntnisse in Bildergeschichten, weil man sich die Dinge sonst nicht anders vorstellen konnte. Nicht selten wurden sich hier Dinge erzählt, die sich gegenseitig widersprachen und eines hörte sich oft besser an, als das andere. Deshalb führte man eine Art Wettkampf ein, in dem Geschichtenerzähler gegeneinander antraten. Wie so etwas von statten ging, kann man gut am bekannten „Streit um die Gaskugel“ zwischen dem Physiker Olek Suo und des Paters Klonek Waha vom Tu-Tah-Orden sehen.

Der Physiker Olek Suo erzählte damals folgendes: „Es war einmal eine Welt, die war rund wie eine Kugel. Sie raste in einem wahnsinnigen Affentempo durchs All, immer im Kreis um eine noch größere Kugel aus Gas, die so heiß war wie hunderttausend Steinöfen aus Pergua. Die kleine Kugel brauchte immer genau ein Jahr, um die große Kugel zu umrunden. Auf der kleinen Kugel lebte das Volk der Bajakas. Ende.“ Daraufhin erzählte der Tu-Tah-Pater seine Geschichte: „Es war einmal das Volk der Bajakas. Sie waren das auserwählte Volk des Universums und sie wussten genau, dass sie auf einer Kugel lebten. Woher sie das wussten? – Nun ja, sie waren nicht nur das auserwählte Volk, sondern auch das schlaueste aller Völker des Universums. Die Kugel war jedoch genau in der Mitte des Universums platziert und alles andere flog um sie herum! So besonders waren die Bajakas! Ende.“

Nachdem diese zwei Geschichten erzählt wurden, verbrannte man den Physiker bei lebendigem Leib, denn er hatte nur die zweitbeste Geschichte erzählt. Hierfür muss man wissen, dass es in besagten Wettkämpfen spezielle Jurys gab, die bestimmten, welche wissenschaftliche Geschichte die beste war. Und in der barbarischen Epoche, in der der Physiker Olek Suo lebte, wurden die schlechteren Erzähler nach der Siegerehrung öffentlich hingerichtet. Man wollte ausschließlich gute Geschichten hören, und allen die Zeit mit den weniger guten ersparen.

Die Bajakas erzählten sich natürlich auch fantastische Geschichten. Einfach nur zum Spaß und um sich unterhalten zu lassen – so wie man es üblicherweise mit Geschichten im ganzen restlichen Universum handhabte. In späteren Zeitaltern gab es auch im Bereich der Unterhaltung Jurys, welche die Sieger der besten frei erfundenen Geschichten kürten. Diese bekamen dann vergoldete Statuen (man nannte sie „Siegfrieds“), mit denen man eigentlich gar nichts anfangen konnte, außer dass man später folgende Geschichte über sich selbst zu erzählen hatte: „Es war einmal eine Frau, die erzählte eine so gute Geschichte, dass sie dafür eine goldene Statue bekam. Ende.“

Unterhaltsame Geschichten waren für die Bajakas das A und O. Jeder wollte spannende Geschichten hören und erzählen. Man versammelte sich regelmäßig in großen Räumen um gemeinsam alte Mythen und Epen von Bajakahelden zu hören, die einst lebten. Das waren Helden, die Wundertaten vollbrachten, die Welt retteten und in den Wolken lebten. Bei den Versammlungen hingen Ölbilder an den Wänden, die die Geschichten illustrierten und durch die bunten Fenster wurden die Räume mysteriös erleuchtet. In späteren Zeitaltern benutzte man Projektoren, die bewegte Bilder auf gigantische Leinwände brachten und dazu gab es allerlei Geräusch-Effekte. Die Zuhörer waren stets so ergriffen, dass sie fühlten, dass diese Geschichten wahr sein mussten.

Die Bajakas wurden mit der Zeit immer süchtiger nach guten Geschichten und das wussten auch die Händler des Volkes. Im „Zeitalter der Gier“ ließen diese die besten Erzähler zusammenkommen und erfanden mit ihnen so spektakuläre Geschichten, dass die Leute nach einiger Zeit sogar bereit waren, viel Geld für diese auszugeben. Diese speziellen Händler gehörten zur unehrenhaften Gilde der Storyverkäufer. Aber auch Verkäufer normaler Produkte, wie zum Beispiel Nahrungsmitteln​ oder Fahrzeugen, benutzten Geschichten für ihre ganz eigenen Verkaufsstrategien. Legendär ist jene von Uhomo, dem Erdnussmann. Ein Erdnussverkäufer hatte sie in einer wirtschaftlichen Krise erfunden, um sein Geschäft wieder in Schwung zu bringen: „Es war einmal der kleine Junge Max, der war schwach und dumm und unglücklich. Da sagte er sich: ich werde jeden Tag zwanzig Uhomo-Erdnüsse essen, mal sehen was passiert. Da wurde er zu Uhomo, dem Erdnussmann, und er war muskulös und schlau und glücklich. Barbusige Frauen tanzten um ihn herum und sangen: Uhomooo, wir lieben Dich! Und Uhomo, der Erdnussmann aß nur noch Erdnüsse und sonst nichts. Ende.“ Die Nachfrage nach Erdnüssen wurde schlagartig so groß, dass man sogar Obstplantagen und Sojafelder vernichtete, um Erdnüsse anzubauen. Viele Verkäufer wurden von dieser Erfolgsgeschichte inspiriert und schließlich kam es zu sonderbaren Geschichten über Fantastico-Elastico oder Kronk dem Scheuermeister, oder dem (weniger erfolgreichen) Soja-Bert. Viele dieser Verkaufsgeschichten waren von übler Qualität und das lag vor allem daran, dass es in diesem Bereich keine Jurys gab. Einige Bajakas waren der Meinung, dass Jurys gerade hier deutlich mehr Sinn gemacht hätten, als in der Wissenschaft oder Unterhaltungsbranche.

Es gab noch viele andere Lebensbereiche, in denen man sich diverser Geschichten bediente. Unter anderem noch beim Sport (das waren besondere Erzählungen, die zeitgleich erfunden, aufgeführt und nacherzählt wurden), bei der Mode (hier erzählte man besonders gern Dinge über sich selbst oder zu wem man gehörte), außerdem beim Geschlechtsverkehr, bei der Körperhygiene, der Politik und vielen anderen Bereichen. Man erzählte sie sich in mündlicher und schriftlicher Form, mit bewegten und unbewegten Bildern oder durch Tanz und Musik.

Man erzählte Geschichten aus den verschiedensten Motivationen und man hörte sie sich ebenso aus unzähligen Gründen an. In der Regel gab es eine Seite, die erzählte und eine andere Seite, die zuhörte. Doch bei den Bajakas gab es noch eine weitere besondere Form, die scheinbar nicht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhte. Diese Art des Erzählens war allgegenwärtig, jedoch sehr unscheinbar, da sie meist gedanklich von statten ging. Es war das „Sich-Selbst-Geschichten-Erzählen“. In dieser Disziplin waren die Bajakas wohl die Meister des Universums. Pausenlos erzählten sie sich selbst in ihrem Kopf Geschichten über sich selbst, über ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, über ihre Gefühle zu sich selbst und zu anderen, über ihre Familien, Freunde und alle anderen Beziehungen, über ihre Götter und Dämonen, über ihre Sicht auf die Dinge und darüber, was diese Sicht aus ihnen machte. Diese Geschichten waren äußerst machtvoll, weil sie das ganze Wesen der Bajakas und ihre Welt verändern konnten. Erzählte sich jemand etwas Schönes über sich selbst, wurde er selbst auch schön. Erzählte sich jemand, dass ein anderer es nicht verdient hatte, geliebt zu werden, so fing er an, diesen zu hassen. Erzählte sich jemand die Geschichte, dass die Welt, so wie sie war, der perfekte Ort zum Leben war, dann wurde die Welt für ihn zum Paradies. Und erzählte sich jemand pausenlos, dass mit ihm etwas nicht stimmte, dann machte er die Erfahrung, dass etwas mit ihm nicht stimmte, auch wenn er nicht wusste, was es genau war (meistens stimmte mit ihm dann eben nur eine Sache nicht, nämlich dass er sich selbst zwanghaft und pausenlos erzählen musste, dass etwas mit ihm nicht stimmte).

Das „Sich-Selbst-Erzählen“ hatte einen gewaltigen Einfluss auf die Welt der Bajakas. Alles war möglich. Und doch konnten sie nicht anders, als sich eine Welt zu erschaffen, in der sie viel zu leiden hatten. Hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Bajakas waren hoch unbewusste Wesen. Sie wussten schlicht und einfach nicht, dass sie sich unentwegt selbst Geschichten erzählten! Ein Vorreiter, der das erkannte und etwas Licht ins Dunkel bringen wollte, war ein ambitionierter Bewusstseinsforscher namens Kuti Hüb. Dies ist die schriftliche Rekonstruktion seines Vortrags, den er, noch im selben Jahr seiner Entdeckungen (1267 v.G.E.), auf einem wissenschaftlichen Symposium hielt.

Tod eines Diktators

Eine Geschichte von Kuti Hüb, Doktor der Aporiophysik
an der Universität von Halonistein

Das Ende war nah. Der gesamte Planet würde bald untergehen. Jeder wusste es und die unterschwellige Angst, die sich vor einigen Jahrzehnten noch rasch in Terror und Gewalt verwandeln konnte, gab in diesen Zeiten nur noch laue Energie frei, was zu allmählicher Resignation und Apathie führte. Es war eine Welt voller Missverständnisse, in der eine gnadenlose Diktatur des falschen Wohlwollens herrschte. Ein jeder versuchte, gemäß seinen persönlichen Vorstellungen und eigener Kenntnis der Gesetze, stets rechtschaffend zu handeln, um für sich den Eintritt in den versprochenen Himmel zu erlangen. Die Geschichte des Himmelreichs, das seit Urzeiten sein Tor verschlossen hielt, war tief in jedem Bajaka verankert und bittere Wahrheit für jedes Geschöpf, das sich seiner Sterblichkeit bewusst war.

Und so erzählte man sich, dass die übrig gebliebenen Techniker und Wissenschaftler in den südlichen Ländern ein Raumschiff bauten, das eine letzte Chance bot, die Bajakas zu einem neuen Planeten zu führen, auf dem man das Paradies plante. Man sagte auch, dass nur die tugendhaftesten Bajakas das Privileg hatten, Passagiere auf dieser Reise zu den Sternen zu werden. So wollte man sichergehen, dass in der nächsten Heimat nicht erneut Sünde und Unheil auf fruchtbaren Boden fallen würden, so wie es das Schicksal ihres geschundenen Zuhauses gewesen war. Es herrschte in dieser Welt, neben der Diktatur, also die stille und unzerstörbare Hoffnung, das versagte Tor zur göttlichen Herrlichkeit wieder aufbrechen zu können. Doch wo war dieses Raumschiff? Der Schlüssel hierfür und der genaue Standort waren in mystischen Schriften verborgen, die in den Ohren des Verstandes so märchenhaft oder unlogisch klangen, dass sie als Spielereien verantwortungsloser Kinder verworfen wurden. Diejenigen, die noch im Stande waren, sich etwas ernsthafter und unschuldiger mit den Schriften auseinander zu setzten, kamen zum Schluss, dass man das Raumschiff versteckte. Vermutlich gab es ein hochentwickeltes Energieschild, das als Sichtschutz diente und neugierige Augen und Wesen mit bösen Absichten abwehren sollte.

Der junge Gesetzesniederschreiber Blau schenkte aus den unerfindlichsten Gründen diesen geheimnisvollen Geschichten den einen Funken Glauben, dessen wunderbare Energie den Samen der Hoffnung zum Aufkeimen brachte, so dass er sich schließlich auf die Reise zum Raumschiff machte. Die Glücklichen, die das Gnadengeschenk des Glaubens erhielten (Der Gesetzesschreiber war natürlich nicht der einzige) und somit das Vorrecht, diese Reise antreten zu dürfen, begannen diese meist mit erwartungsvollen und freudigen ersten Schritten. Doch der Glaube wurde auf steinigen Pfaden und in gefährlichen Gassen stets aufs Neue geprüft. Nur so konnte sichergestellt werden, ob die Absicht des Wanderers eine reine war, oder ob doch die Diktatur des falschen Wohlwollens hier ihre Finger im Spiel hatte. Im Laufe der Reise wurde es dem Wanderer Blau immer klarer, dass die Prüfungen nicht etwa von einer höheren Macht von außen (er vermutete zunächst Manipulationen durch die Erbauer des Raumschiffs) auferlegt wurden. Vielmehr war es so, dass er seine Prüfungen unbewusst selbst heraufbeschwor, um sich durch diese dunklen und harten Kämpfe immer wieder aufs Neue bewusst zu werden, ob seine Absichten tugendhaft waren. Dass nur die besten, liebevollsten und demütigsten Bajakas eine Chance auf einen Platz im Raumschiff hatten, war fest in seinem Herzen eingeschrieben. Auch alle anderen Wanderer stellten sich selbst und jeder auf seine ganz eigene Weise unentwegt auf die Probe. Viele starben auf tragische Weise beim Versuch, ihre selbst auferlegten Aufgaben zu lösen und erkannten ihr wahres Wesen schließlich im Moment des eigenen Todes, der sich dadurch als ihre letzte Prüfung offenbarte.

Wanderer Blau freundete sich auf seiner Reise mit vielen anderen Suchenden an, von denen alle die Geheimschriften mehr oder weniger unterschiedlich interpretierten. So trennten sich die Wege immer wieder, weil jeder eine andere Richtung für die richtige hielt. Manche erzählten ihm sogar, dass es sich gar nicht um ein Raumschiff handelte, sondern etwa um einen mystischen Gottestempel, um ein außerirdisches Dimensionstor oder um eine Apparatur, die zeitlose virtuelle Realitäten erschaffen konnte.

Die wenigen tapferen Reisenden, die durch die dunkelsten Täler der südlichen Länder gingen, erkannten gerade an diesen trostlosen Orten das wahre Wesen der gnadenlosen Diktatur. Hier sahen sie alle dämonischen Auswüchse und das große Leid, die diese Form der Regierung zwangsläufig mit sich brachte und vor dem die Bajakas sogar in dieser Endzeit für gewöhnlich die Augen verschlossen.

Am tiefsten Abgrund passierte dann das Unausweichliche: Wanderer Blau erkannte, dass er selbst Diktator über das Reich war, aus dem er zu fliehen versuchte, um in die himmlische Freiheit zu gelangen. Nicht nur die erfundenen Gesetze des falschen Wohlwollens, sondern auch die Vorgaben auf welche Weise das Paradies zu erreichen wäre, waren einzig und allein seine eigenen Beschlüsse. Die Beschlüsse des Diktators Blau. Mehr noch: Selbst das endgültige Verschließen des Tores zu einer besseren Welt war seine ganz eigene Entscheidung gewesen. Diese Erkenntnis verbitterte den Reisenden und es wurde für ihn zur härtesten Prüfung, die er erleben sollte, denn nun fing sogar die vermeintlich unzerstörbare Hoffnung an, sich aufzulösen. Im eisigen Feuer der Verzweiflung wartete er, äußerlich ruhig, doch innerlich rastlos und unter Seelenqualen, weil er es nicht wahrhaben wollte, dass dies das Ende seiner großen Reise sein sollte. Das zwanghafte Verleugnen, dessen wer er wirklich war und wo er sich befand, dauerte eine lange Zeit an. Doch schließlich, nach schier endlosem Verharren in diesem Tal, kam Diktator Blau zum ersten Mal in seinem Leben zu einer wahrhaftigen Demut und gab die Kämpfe mit sich selbst auf. Er wusste, dass dieser Ort der absoluten Hoffnungslosigkeit sein einzig rechtmäßiger Platz war, weil er die alleinige Schuld am Leid seiner Welt trug. Er akzeptierte sein wahres Wesen und erwartete nun den ewigen Tod. Doch genau in diesem Moment wurde ihm ein neues Gnadengeschenk zuteil, ein Geschenk der Freiheit, das da hieß: „Du bist nie das, was Du denkst.“

Jeder Wanderer erhielt dieses Geschenk früher oder später auf seine für ihn maßgeschneiderte Weise und zwar so, dass er es durch und durch erkannte, ohne es auf gedanklicher Ebene zu verstehen. Manche durch den Blick auf die Schönheit der Natur oder durch den Klang einer Melodie. Andere durch das Wort eines Meisters oder durch die Berührung einer unbekannten Liebe. Viele im Augenblick ihres Todes, so auch der Diktator.

Blau erkannte, dass die Welt, die Diktatur und selbst die Reise zum Raumschiff nur ein Trick des Verstandes gewesen war. Sein Verstand wollte ein Rätsel lösen, dass er sich in seiner Verstrickung bereits vor Urzeiten selbst gestellt hatte. Er erkannte Alles, so wie es war, als das Versprochene, das nie woanders gewesen war als hier und jetzt. Er erkannte seine Freiheit und dass er schon immer frei gewesen war. Blau fing an, geheimnisvolle Geschichten zu verfassen, die andere ermutigen sollten, ihre Gedankenreisen als das zu erkennen, was sie in Wirklichkeit waren. Denn er sah, dass ein jeder frei war, viele sich jedoch nicht als umherwandernde Figuren in einem erfundenen Schauspiel erkennen konnten, sondern ihr eigenes Bühnenstück für die Wahrheit hielten. Die Welt war ein königliches Spiel von Meisterinnen und Meistern, unergründlich in seiner Komplexität und doch von einer unberührbaren Einfachheit.

Für Geschichtenschreiber Blau geschah nun alles in einer stillen Freude. Das Handwerk des Schreibens war ihm, aufgrund seiner früheren Tätigkeiten als Gesetzesniederschreiber, immer noch vertraut. Doch wollte er keine verständigen Köpfe mehr mit Geboten von oben belehren – ihm war es wichtiger, die offenen Herzen zu erreichen.

Und so fing er an, geheimnisvolle Schriftstücke zu verfassen, wohlwissend, dass auch ein Geschichtenschreiber einmal sterben musste. Das Ewige jedoch, das ewige Eine, ist Blau.

Ende.

Nach einem Moment der Stille, begannen die Wissenschafts-Juroren zu diskutieren. Erst murmelnd und tuschelnd, dann immer lauter. Sie stritten zum einen darüber, ob es eine gute Geschichte war, aber vor allem darüber, ob es denn überhaupt eine wissenschaftliche Geschichte war. Hier teilte sich die Jury in zwei Lager. Die Kritiker stellten interessante Fragen wie: „Weshalb hieß der Protagonist Blau und nicht Rot?“ „Was war denn nun mit dem Planeten, war er jetzt dem Untergang geweiht oder nicht?“ „Und was waren das für harte Prüfungen, die sich Blau und alle anderen Wanderer stellten?“ Ohne konkrete Beispiele war die Geschichte für sie nicht glaubhaft. Das zweite Lager der Juroren waren jene, die in der Geschichte etwas Wichtiges vermuteten, das sie jedoch nicht fassen konnten. Auch sie stellten interessante Fragen: „Herr Doktor Hüb, wie sind Sie zu dieser Erkenntnis des Ewigen Einen gekommen? Wie sah ihr Versuchsaufbau aus?“

Hüb sagte: „Meine Antworten, werte Damen und Herren, werden ihnen nicht gefallen. Und hätte ich sie Ihnen in einem anderen Zeitalter gegeben, hätten Sie mich sicher von Kopf bis Fuß gehäutet. Glücklicherweise leben wir mittlerweile in einer zivilisierten Gesellschaft. Allen geht es gut, alles ist erlaubt… und doch… leiden wir innerlich auf unergründliche Weise. Denn unser Dasein beruht auf einer höchst fehlerhaften Annahme: Wir halten unsere Geschichten für die Wahrheit. Wir fallen sozusagen auf unseren eigenen Zaubertrick herein. Geschichten sollten von Beginn an nur Mittel sein, um auf den verschiedensten Wegen zur Wahrheit zu führen. Doch kein Wort und keine kreative Schöpfung kann die Wahrheit selbst sein. Es sind alles nur Trugbilder und Illusionen, die nur eine Sache für uns möchten: Uns zur letzten aller Erkenntnisse locken. Und in der letzten Erkenntnis löst sich alles auf wunderbare Weise im Nichts auf, sogar die Zeit und der Raum, die ebenfalls nur Geschichten sind.

Ich bin zu diesem Ergebnis gekommen, indem ich mich einem Selbstexperiment unterzogen habe. Ich hatte beschlossen, mich allen Geschichten zu entledigen. Ich muss gestehen, dass dies – besonders am Anfang – kein einfaches Vorhaben war. Ich habe hierfür eigene Techniken entwickelt. Eine besonders effektive war es, zum Beispiel, auf einem Stuhl zu sitzen und nichts zu tun. Natürlich kam mir dabei ständig die Geschichte eines Wissenschaftlers in den Sinn, der doch Wichtigeres und Interessanteres zu tun haben müsste, als den ganzen Tag faul auf seinem Bürostuhl zu sitzen. Es dauerte ziemlich lange, mich dieser Gedanken zu entledigen. Als ich es schließlich schaffte, tauchten prompt weitere Geschichten auf. Und eine nach der anderen musste aufgelöst werden. Eine der letzten Geschichten, die erschienen, war sehr paradox. Sie ähnelte der bekannten Erzählung vom Sterben und Leben des winzigen Samenkorns – aber ich schweife ab. Sie müssen verstehen, dass dies ein wissenschaftliches Experiment auf allerhöchster Ebene war. Und, meine werten Kollegen, ich kann es ihnen nur empfehlen! Diese Art zu Forschen liefert die besten Ergebnisse, die ich je gesehen habe. Dem ist so, weil alles was wir untersuchen wollen, und alles was wir zum Untersuchen brauchen, bereits da ist. Beobachter und das Beobachtete sind eins. Welche der zahlreichen Wissenschaften, die sich allesamt Bildern und Geschichten bedienen müssen, kann zu einer endgültigeren Wahrheit führen als diese?“

Die Juroren diskutierten weiter und wussten nicht so recht was sie von der ganzen Sache halten sollten. Die Zeit drängte und es warteten noch zwei weitere Wissenschaftler, die ihre Forschungsergebnisse präsentieren wollten. Schließlich wandte sich einer der älteren Juroren an Hüb: „Ihre Geschichte ist leider fehlerhaft. Sie beschreibt, dass Geschichten unsere Sicht und somit unsere Welt formen, weil wir sie für die Wahrheit halten, obwohl sie es nicht sind. Sollte ihre These wahr sein, so wäre auch ihre Diktatorgeschichte reine Fantasie, und somit eines ernstzunehmenden Wissenschaftlers und dieses ehrenwerten Symposiums nicht würdig!“ Hüb antwortete: „Das ist richtig, meine Geschichte ist keineswegs eine wahre Geschichte… Das habe ich aber auch nie behauptet. Es ist eine fantastische Geschichte, durch und durch.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Einige der Juroren wurden wütend und riefen: „Das ist ja unerhört! Wie wagen sie es, vor uns zu sprechen! Mit einer Märchengeschichte?!“ Hüb versuchte, die Wissenschaftler zu beruhigen. „Meine lieben Kollegen, ist es denn nicht unsere Aufgabe, die Geschichten der Welt zu bezweifeln, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen? Alles, was ich getan habe, ist, diesen Weg bis zum bittersüßen Ende zu gehen. Und wenn sie wüssten, was ich dafür erleiden musste, wären sie alles andere als wütend auf mich.“
„Für so ein Vorhaben muss man des Wahnsinns sein! Jeder kennt doch die Geschichte von Professor Ibrahim, der ins schwarze Nichts fiel!“, rief ein Mann aus dem Publikum, der jetzt nicht mehr ruhig stillsitzen konnte.
Hüb antwortete: „Auch diese Geschichte ist nicht die Wahrheit. Und überhaupt… Wer hat gesagt, dass das Nichts schwarz ist? Sicher nicht Professor Ibrahim.“
Ein Juror, der auf Psychologie spezialisiert war, sagte: „Doktor Hüb, es tut mir sehr leid für sie, aber ich glaube, sie sind einfach komplett verrückt geworden.“ Die anderen nickten zustimmend, obwohl sie von diesem Fach eigentlich keine Ahnung hatten.
Hüb fing mit einer neuen Geschichte an. „Es war einmal ein König. Dessen Volk trank aus einem verwunschen Brunnen. Alle lachten und fingen an in einer seltsamen Sprache miteinander zu reden. Es machte den Anschein, als seien alle verrückt geworden. Der König war der einzige, der nicht aus dem Brunnen trank. Bald sagte das Volk: Der König muss verrückt geworden sein! Der König jedoch war traurig, sein Volk so zu sehen, also – “
Im Saal wurde es wieder lauter. Pfiffe und Buhrufe vermischten sich mit irritiertem Gelächter. Die Juroren riefen: „Wieder eine Märchengeschichte! Verdammt, das gehört hier nicht hin! Verschwinden sie von da oben!“

Hüb startete einen letzten verzweifelten Versuch. „Es war einmal ein Dichter namens Solinavi. Er liebte fantastische Geschichten mehr als alles andere und so beschloss –  “
„Es war einmal ein Juror, der schrie nach dem Sicherheitsdienst! ENDE!“ rief ein Juror. „Sicherheitsdienst! Sicherheitsdienst!“ schrie ein anderer.

Während man Hüb zum Ausgang begleitete, begann schon der nächste Redner mit seiner spannenden Geschichte. Sie handelte von schmelzenden Polkappen und davon, dass alle Bajakas zusammenhalten müssten und gute Taten vollbringen sollten, weil sonst alle sterben würden, weil die Welt untergehen würde. Dies war jedoch nur die zweitbeste Geschichte des Symposiums. Die beste hatte man bereits am Morgen erzählt. In ihr ging es um Uhomo, dem Erdnussmann, und wie er Geld ausgab, um das neue Riesenteleskop bauen zu lassen, mit dem man bewohnbare Planeten entdecken konnte.

Was Doktor Kuti Hüb angeht, so sollte es noch viele Jahrhunderte dauern, bis seine Geschichte „Tod eines Diktators“ (man nannte sie später „Hübsche Theorie“) Einzug in die Großen Wissenschaftlichen Enzyklopädien hielt. Er war, wie so viele Wegweisende vor ihm, seiner Zeit weit voraus.