Da ist dieser junge neugierige Mensch, der wissen will, was es alles auf der Welt gibt. Seine Mutter packt ihm Proviant für Leib und Seele in seine Tasche und schickt ihn los, um die Welt zu erkunden.

Als erstes trifft er die Mineralien, Metalle und alle anderen Stoffe. Er fragt, wer sie seien. Sie sagen: „Ach wie schön, es gibt nur wenige, die wissen, dass wir sprechen können, denn die meisten hören nur das, was sie hören wollen. Wir aber, wir sprechen mit unseren Farben. Wir sind rot wie Eisenoxid und grün wie Smaragd, klar wie Wasser und matt wie Kohle. Wir sprechen mit unserer Oberfläche: Wir sind glatt und rau, wässrig oder ölig. Wir sprechen mit unseren Eigenschaften: Wir sind widerstandsfähig und magnetisch, elastisch und wärmeleitend. Doch sich selbst nutzt der Kohlenstoff und das Salz nichts! Wir brauchen Wachsende, damit unsere Eigenschaften genutzt werden können.“

Der junge Mensch geht weiter. Er begegnet Wiesen, Blumen und Bäumen. Auch diese fragt er, wer sie seien. Sie sind erstaunt, dass er versteht, was sie sagen:
„Durch das Licht und die Stoffe, die uns geschenkt sind, wachsen wir zu Neuem.
Wir werden süße Düfte, die erfreuen.
Wir werden frische Früchte, die beleben.
Wir werden bitteres Kraut, das heilt.
Und nebenbei reinigen wir das, was in den Lüften unrein geworden ist. Doch sich selbst nutzt der wohlschmeckende Apfel nichts! Wir brauchen Nehmende, um Weitergeben zu können.“

Der junge Mensch geht weiter und entdeckt Mäuse, Vögel und Fische. Diese sind nicht ganz so verwundert, dass der Mensch sie versteht, denn ihre Sprache ist seiner ähnlich. Sie sagen:
„Wir sind tanzende Mäuse. Wir kichern im Gebüsch und genießen süße Kirschen und knackige Nüsse.
Wir sind fliegende Vögel und wir lieben es, frei in windigen Höhen zu segeln und die Wärme des Landes zu atmen.
Wir sind suchende Fische und schwimmen vorsichtig in den schwarzen kalten Tiefen, um Orte zu sehen, die keiner je sah.
Doch unser singende Chor im grandiosen Bühnenstück der Vielfältigkeit nutzt uns nichts! Wir brauchen Augen und Ohren von Allwissenden, um in Erscheinung zu treten.“

Der junge Mensch geht weiter, um weitere Geschöpfe zu finden, doch er findet nichts mehr. Am Ende seines Weges kommt er an einen dunklen Abgrund mit einer sehr schmalen Brücke. Es ist ein Schild aufgestellt, auf dem steht: „Dies ist die Brücke zwischen zwei lebendigen Welten. Diesseits der Brücke ist die Erschaffene Welt, jenseits der Brücke ist die Erschaffende Welt. Vorsicht! Du kannst nichts mitnehmen!“ Und der junge Mensch zieht seine Kleider aus und legt seine Reisetasche ab und überquert die schmale Brücke, denn er hatte keine Angst.

Auf der anderen Seite angekommen sieht der Mensch eine magische Welt. Er trifft auf bewusste Wesen, die er fragt, wer sie seien.
Sie antworten: „Man nennt uns die Lieder-Singenden.
Wir sind der Tanz für die Betrübten.
Wir sind Flügel für die Glaubenden.
Wir sind Lampen derer, die in der dunklen Tiefe suchen.
Doch uns selbst nutzen wir nichts! Wir brauchen Hilfesuchende, denen wir dienen können.“

Der Mensch geht weiter und begegnet noch geheimnisvolleren Wesen. Sie sagen: „Wir sind die Verwandelnden.
Wir verwandeln Licht in Heilung.
Wir verwandeln Licht in Freude.
Wir verwandeln Licht in Leben.
Ja, auch uns gibt es. Wir sind Geister und wo wir wirken, wächst alles und wird immer neu.“

Der Mensch geht noch einen Schritt weiter und bleibt stehen. Er hört eine Stimme: „Ich bin der Sprechende. Das Wort, dass ich sage, ist Gesetz. Ohne das Wort wäre der Stein nicht Stein. Er hätte kein Wesen, keinen Grund und kein Ziel. Ohne das Wort wäre er nichts. Weiter kannst du nicht gehen. Auch das ist Gesetz.“

Der Mensch wird traurig und sagt „Jeder weiß, wer er ist. Jeder weiß, was er zu tun hat. Doch was ist mit mir? Was soll ich tun und wo ist mein Platz?“ Da hört er die Stimme eines Lied-Singenden: „Kehre um, Hilfesuchender! Geh zurück zur Mitte und suche dort. Suche in dem, was man dir auf deine Reise mitgegeben hat. Vertraue! Dir wird geholfen!“ Der Mensch geht zurück über die Brücke in die Erschaffene Welt. Er zieht sein Gewand wieder an. Er nimmt einen Apfel und ein Buch aus seiner Reisetasche und fängt an zu lesen.

Die Kohlenstoffpigmente der schwarzgedruckten Buchstaben fangen an zu sprechen, als der Mensch anfängt zu lesen. Er dankt der Materie und dem Wort.

Die reine Luft, die er atmet und das frische Obst, das er gegessen hat geben ihm Kraft und Klarheit, so dass seine Augen sehen, seine Finger die Seiten umblättern und sein Verstand begreift. Er dankt den Pflanzen und dem verwandelnden Geist.

Das Buch, das er liest heißt „Die Antwort der Engel“ und er liest darin von freien singenden Vögeln und offenen Käfigen. Ihm geht ein neues Licht auf und er freut sich, dass man ihm die Antwort schenkt, die er gesucht hatte. Er lacht und tanzt, und gemeinsam mit der sichtbaren und unsichtbaren Welt lobt er das Licht.

Er erkennt das Licht, das durch beide Welten von einem Ende zum anderen leuchtet und aus dem Alles gemacht ist. Und er erkennt sich selbst als wahren Menschen. Er selbst ist die Brücke zwischen beiden Welten. Er ist der Vermittler. Er ist Geschöpf und Schöpfer. Sein Zuhause sind zwei Welten, die durch ihn zu einem Reich werden können. Er freut sich über die Aufgabe und er fängt an, in allem das Licht und das Leben zu sehen und zu loben, selbst in Dingen, die man gewöhnlich für tote Materie oder für bewusstlose Ideen hält. Der Mensch ist es, der nun sagen kann: „Alles, wirklich Alles, strahlt in einem Licht, ist verbunden und unendlich wertvoll.“

Es war einmal ein kleiner Planet, auf dem lebten die Sonnenmäuse. Sie waren so weiß, dass sie fast leuchteten und manch einer konnte bei diesem Anblick meinen, er schaute direkt in ein Licht. Sie lebten fröhlich und trieben lange Zeit allerlei Schabernack im Schein der weißen Sonne.

Man weiß nicht mehr so genau, wer die Idee zuerst hatte, aber es kam die Zeit, da fanden es die Mäuse sehr amüsant, sich eine Weile vor der Sonne zu verstecken. Denn auch mit der Sonne liebten sie es, ihren Schabernack zu treiben. Und so nahm sich eine Maus nach der anderen einen großen schwarzen Hut aus dem Schrank und setzte ihn sich auf. „Nun sehen wir die Sonne nicht mehr, also kann sie uns auch nicht mehr sehen!“ dachten sich die Mäuse und kicherten wie verrückt. Als schließlich alle Mäuse des Planeten einen Hut aufhatten, vergaßen sie schnell, dass es die Sonne überhaupt gab. Denn eins muss man wissen: Mäuse haben kein gutes Gedächtnis!

Sie behielten lange Zeit ihre Hüte auf, aber nun –  da sie nur noch sehr wenig Sonnenlicht abbekamen –  wurden sie immer schwächer. Die schwarzen Dinger auf ihrem Kopf wurden ihnen zu einer immer größeren Last. Da wurden die Mäuse traurig, aber keine von ihnen wusste so recht weshalb. Denn sie hatten nicht nur vergessen, dass über ihnen eine Sonne leuchtete, sondern sie vergaßen auch, dass es einmal eine Zeit gab, in der sie keine schweren Hüte getragen hatten!

Eines Tages tauchte wie aus dem Nichts eine Maus ohne Hut auf. Ihr Name war Wuppi. Sie war unheimlich stark und leuchtete besonders weiß. Alle staunten, als sie diese wundersame Maus sahen. Wuppi schaute sich um und sagte: „Was ist denn mit euch los, Freunde?! Wollt ihr nicht endlich eure Hüte absetzten? Ihr übertreibt es wirklich mit euren Streichen, die ihr der Sonne spielt!“ Da sagten die Mäuse: „Was denn für eine Sonne? Wir wissen nicht, wovon du da sprichst!“ Wuppi musste ihnen erklären und sie daran erinnern, dass sie alle Sonnenmäuse waren, und dass sie im Licht der Sonne eigentlich genau so hell leuchteten wie er.

„Wir wollen auch diese Sonne sehen! Zeig sie uns!“ riefen die Mäuse. Da sah Wuppi, dass die Mäuse mittlerweile viel zu schwach waren, um ihre Hüte selbst abzunehmen und so beschloss er, seinen Freunden zu helfen. Er pflückte einer Maus nach der anderen den Hut vom Kopf. Zuerst die kleinen, dann die mittleren und schließlich die großen Hüte. Mit der linken Hand nahm er die schwarzen Dinger und in der rechten sammelte er sie, so dass ein großer Turm entstand, den er vor sich hin balancierte.

Die Mäuse, die jetzt die Sonne sahen, sangen aus voller Kehle: „Oh wie wunderbar, wir sehen die Sonne wieder! Sie war ja die ganze Zeit da und leuchtete treu für uns! Und jetzt leuchten auch wir wieder!“ Wuppi machte weiter und nahm die Hüte von den Köpfen der Verbliebenen, und der fröhliche Gesang der Mäuse wurde immer lauter. Als er den allerletzten schwarzen Hut von der allerletzten Sonnenmaus nahm, verschwand Wuppi unter dem riesigen Hüteturm – so schwer war dieser geworden.

Die Mäuse waren erschrocken. „Nanu, aber was wird denn jetzt aus Wuppi?“ fragten sie sich. Alle waren ratlos, schauten sich den zentnerschweren Turm aus Hüten an und warteten. Nach drei langen Tagen sagte eine Maus schließlich: „Wuppi war der Beste, er hat allen geholfen!“ Und eine andere sagte: „Ja das stimmt. Doch leider ist er dabei draufgegangen.“ Da rief eine kleine Maus: „Schaut doch! Da oben!“ Der oberste Hut bewegte sich erst leicht, dann immer mehr und stärker, bis…  Rums!  …Wuppi an der Spitze stand! Er hatte sich, wie für eine Maus üblich, seinen Weg durch die Hüte genagt. Denn eins muss man wissen: Mäuse lieben es, sich durch alles Mögliche zu nagen. „Hallo Leute!“ rief Wuppi und winkte den Mäusen unten zu. Die Mäuse lachten und sagten zueinander: „Wuppi liebt es einfach, die Dinge spannend zu machen!“

Die Mäuse erzählten sich die spannende Geschichte von ihrem Retter Wuppi immer wieder aufs Neue, damit sie diese besondere Heldentat ja nie vergaßen. Wuppi jedoch blieb noch eine gute Weile auf dem Turm sitzen. Er war der Sonne so nah gewesen wie keine andere Maus vor oder nach ihm.

J.