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Es war einmal ein riesengroßer gigantischer Planet auf dem es keine Grenzen gab und auch keine Länder, außer einem einzigen. Dieses Land sah von außen aus wie ein geschlossener Schuhkarton und war in etwa genauso groß. Im Inneren war es jedoch wie eine Markthalle in der es nur so vor sich hin wuselte. Hier lebte das Volk der Geschäftsmänner. Diese grauen Geschöpfe waren klein wie Ameisen und, wie der Name schon sagt, sehr geschäftig. Sie handelten mit allen möglichem Krimskrams, das ihnen in die Hände fiel und versuchten dann damit möglichst viel Profit zu machen. Im Leben der Geschäftsmänner gab es nichts besseres, als einen guten Handel abzuschließen, denn jeder von ihnen wollte immer mehr besitzen als der andere. Außerdem umtrieb jeden das Gefühl, dass stets irgendeine Sache noch zu seinem persönlichen Glück fehlte und das war es, was sie zusätzlich antrieb. Es gab die verschiedensten Arten von Geschäftsmännern: die Warenhändler, die Perlenverkäufer, die Informationsverticker, die Platzverleiher, die Großaktionäre, die Geldhersteller und viele mehr.

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Dann gab es noch Herr Grau. Er wusste nicht so genau, wie man Sachen billig kaufte und gewinnbringend verkaufte und deshalb (das ahnte er) würde er bald das Zeitliche segnen. „Aber bevor ich ins Gras beiße, möchte ich mir eine Tür kaufen, durch die ich gehen werde!“ sagte Herr Grau. Er liebte Türen, und durch seine ganz eigene Tür zu gehen – das war schon immer sein größter Wunsch gewesen. Er kratzte sein ganzes restliches Vermögen zusammen, besorgte sich die Werbeprospekte und Kataloge aller Türhändler und studierte sie genau. Es gab Türen aus massivem Holz, die schwer zu öffnen waren, aber hinter denen sich dann ein großer Schatz befand. Es gab Falltüren aus Stein, auf die man sich im Schneidersitz setzen musste und die sich dann nach einiger Zeit ganz von alleine öffneten. Es gab stählerne Türen, die für immer verschlossen waren und welche aus Luft, durch die man ohne jegliche Anstrengung gehen konnte. Dann gab es natürlich noch knallbunte elektrische Türen aus Plastik oder aus billiger Schokolade, die meistens im Sonderangebot waren. Aber solche Türen interessierten Herr Grau überhaupt nicht. Dann schon lieber eine aus Holz oder Stein – aber auch die waren für ihn nicht das Wahre. Also wanderte er durch das ganze Land, um weitere Türenhändler zu finden. Er suchte sehr lange, doch ohne Erfolg.

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Eines Tages, nach einer endlos scheinenden Odyssee, kam Herr Grau an die westliche Grenze des Schuhkartons und entdeckte, scheinbar zufällig, etwas ganz unauffälliges Graues in der Wand. „Ist das eine Tür?“ fragte sich Herr Grau und kratzte sich am Kopf. „Entschuldigung, wer verkauft dieses Objekt?“ rief er in die Menge und die Tatsache, dass ihm keiner antwortete, machte ihn stutzig. Denn eines muss man natürlich wissen: wenn etwas zum Verkauf steht, ist der Verkäufer nicht weit. Und in diesem Land stand Alles zum Verkauf (solange der Preis stimmte)! „Das gibt’s doch nicht. Niemand da, der diese Tür verkaufen möchte?“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Er inspizierte die Tür genau, doch je länger er darauf schaute, desto mehr machte sie den Eindruck, sich aufzulösen. „Na schön, dann schauen wir mal, was sich hinter dir verbirgt!“ sagte Herr Grau entschlossen, drückte die Klinke und trat ins Freie.

„Was ist denn das?! Ich versteh‘ das nicht!“ schluckte Herr Grau und schaute auf die endlosen grünen Wiesen und in den weiten Himmel. Die riesigen Bäume und die bunten Vögel versetzten ihn in Staunen und die Luft, die er atmete, erfrischte ihn mehr als die teuerste Zitronenlimonade der Welt. Er war überglücklich, all diese Wunder zu sehen.
„Wo bin ich?“ fragte Herr Grau einen vorbeilaufenden Igel. „Na hier!“ sagte der Igel und wunderte sich über so eine seltsame Frage, denn dieser konnte nicht verstehen, dass man woanders als „hier“ sein konnte. „Ja, aber wie heißt dieser wunderbare Ort?“ fragte Herr Grau noch einmal. „In unserer Welt haben die Dinge keinen Namen.“, sagte der Igel „Und schon gar nicht hat unsere Welt einen Namen! Wir sind alle frei!“ „Dann ist das die Freiheit?!“ rief Herr Grau und konnte es kaum glauben. Er hatte schon viel von der Freiheit gehört, aber er hielt die Geschichten nur für Mythen, denn er hatte nie einen anderen Geschäftsmann gefunden, der ihm diese Freiheit hätte zeigen können. „Nenn‘ es wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Igel und ging seines Wegs.

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Herr Grau kratzte sich am Kopf und da er immer noch ein typischer Geschäftsmann war (wenn auch ein schlechter), fing er sogleich an, sich Gedanken zu machen: „Diese Freiheit! Ich kann sie verkaufen! Ich eröffne ein Reisebüro! Ich kann Reiseführer schreiben! Darin stehen dann die tollsten Sehenswürdigkeiten und geheimsten Geheimtipps, die es nur in der Freiheit zu erleben gibt!“ Schnell wie der Wind huschte er wieder ins Schuhkarton-Land und schloss die Tür, denn es gab nun eine Menge zu tun.

***

„Seht euch den Grau an, der spinnt wieder rum!“ spotteten die anderen Geschäftsmänner nach ein paar Tagen. „Will uns die Freiheit hinter einer Tür verkaufen und weiß selber nicht wo sie ist!“ „Sie war hier, ich schwöre es!“ schluchzte Herr Grau und zeigte auf die leere graue Wand. „Wir verschwenden hier nur unsere wertvolle Zeit. Von uns kriegt der keinen Pfennig!“ antworteten seine Kollegen und gingen wieder ihren alltäglichen Geschäften nach. Herr Grau jedoch überlegte nicht mehr lange, machte sich auf die Socken und suchte einige Jahre alle Grenzen des Landes ab, in der Hoffnung jemand hätte die Tür wie durch Zauberhand an eine andere Stelle versetzt. Doch er fand sie nicht mehr. Da wurde er traurig und ging nach Hause. Eine Zeit lang lag er krank im Bett und sehnte sich nach dieser Freiheit, die er – ach! – nur so kurz erfahren hatte. Das winzige Interesse, das er bis dahin an der geschäftsmännischen Arbeit noch hatte, verschwand nun völlig. „Jetzt werde ich bald wirklich ins Gras beißen!“, dachte er. Um seine restliche Zeit einigermaßen angenehm zu vertreiben, kaufte er sich Stifte und Papier und fing an, Bildergeschichten von der Freiheit zu schreiben, doch alles was er aufs Papier brachte war Müll im Vergleich zu dieser unendlichen Schönheit, die er damals erlebt hatte.

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Viel Zeit verging und das einzige was er tat, war malen. Irgendwann hatte er kein Geld mehr, um sich neues Malmaterial oder Lebensmittel zu kaufen und so kam der Tag, an dem er völlig ausgehungert mit einem farblosen Pinsel sein allerletztes Blatt bemalte: Es war das Bild einer schneeweißen Tür. Da gingen Herr Grau die Augen auf. Die Tür auf dem Papier begann sich zu öffnen und hüllte ihn in weißes Licht…

Herr Grau plumpste in die Freiheit und landete mit dem Kopf voran im weichen Gras.

„Ach, du schon wieder!“ sagte der Igel, rollte mit den Augen und trabte vorbei. Herr Grau sagte nichts und mit einem Büschel Gras zwischen den Zähnen blieb er sitzen. Neben ihm war ein riesiger Kirschbaum mit blauen Vögeln und bunten Eulen, die an den Früchten knabberten oder gemeinsam musizierten. Herr Grau erkannte, was Sache war und große Freude breitete sich aus. Da fiel eine winzige Kirsche vom Baum. Er aß sie voller Genuss zur Hälfte, dann war er satt. Aus der anderen Hälfte kam ein Wurm gekrochen und lachte. „Haha, du hast meine Wohnung gegessen!“ „Ohje. Das ist ja gar nicht gut!“ sagte Herr Grau und schaute mit verzerrter Mine auf den sonderbaren Wurm, der so groß war wie Herr Grau selbst. Der Wurm sagte: „Nicht gut…? Nicht gut oder nicht schlecht…! Haha, wer weiß das schon. Ich sehe, du musst noch viel lernen. Warte hier.“ und er kroch durch ein Loch ins Kirschkerninnere und kam mit einem Buch wieder heraus, das er Herr Grau überreichte. „Hier! Das kannst du gebrauchen.“ „Bist du etwa ein Bücherwurm?“ fragte Herr Grau. „Nenn‘ mich, wie du willst, aber du tust dir damit keinen Gefallen!“ sagte der Wurm und verschwand lachend in dem, was von der Kirsche übriggeblieben war.

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„Na schön, mal sehen, was ich denn noch so zu lernen habe!“ sagte Herr Grau und blätterte in dem Buch. Doch das Buch war von vorn bis hinten voll mit leeren Seiten. „Oha! Das ist dann wohl die erste Lektion!“ sagte Herr Grau und kratzte sich am Kopf. Dann packte er seinen Stift aus und fing an „die wunderbare Reise des Herr Grau“ zu schreiben. „Endlich! Endlich kann ich meine Eindrücke der Freiheit direkt hier, vor Ort, aufs Papier bringen!“ freute er sich und begann seine Reise. Er traf auf lustige Enten, flinke Wiesel und Straßenmusiker. Auf Mäuse mit Hüten und Bären mit Anzügen. Er begegnete lebendigen Robotern, sprechenden Häusern und machte Bekanntschaft mit guten Diktatoren, Glückserfindern und vielen anderen sonderbaren Gestalten. Er notierte ihre Geschichten und malte Bilder dazu. Er ließ sich dafür viel Zeit. Doch irgendwann würde er zu Seinesgleichen zurückkehren und ihnen alle Geschichten erzählen. Nicht um Profit daraus zu schlagen, sondern weil er die Freiheit liebte und was man liebt, das will man teilen.

J.

Es war einmal eine junge Eule, deren gelbe Augen wie hellstes Kerzenlicht leuchteten. Sie war sehr stolz auf ihre Augen, denn mit ihnen konnte sie auch in der finstersten Nacht sehen, wenn die fernen Sterne das einzige Licht waren, das auf den Wald schien. Am liebsten saß die Eule auf einem Ast und wartete.

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Da kam ein Wiesel angerannt. Das machte die Eule neugierig. Sie fragte: „Wiesel, sag, warum rennst du so?“

Das Wiesel antwortete: „Ich werde gejagt! Von der Trauer!“
„Trauer? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Trauer fängt, wirst du zu einer dunklen Wolke, die nichts anderes kann als regnen!“ rief das Wiesel und war verschwunden.

Die Eule wurde traurig, dass sie nicht von der Trauer gejagt wurde. Denn sie wollte zu gerne wissen, wie es ist, eine Wolke zu sein. Da verwandelte sie sich für einen Augenblick in eine dicke dunkelblaue Regenwolke und mit einem kaum hörbaren Donner begann sie zu regnen. Erst ein paar kleine Tropfen, dann ein heftiger Schauer und zum Schluss ein Sprühregen, begleitet von einer zarten Brise.

„Das war ja interessant!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar neue blaue Federn an ihren Flügeln.

Am nächsten Tag rannte das Wiesel wieder am Baum vorbei, auf dem die Eule saß.
„Wiesel! Rennst du wieder vor der Trauer davon?“
„Nein! Heute flüchte ich vor der Scham!“
„Scham? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Scham ergreift, wirst du zu einer kleinen Maus mit einem roten Kopf und einem Hut. Niemand auf der Welt ist so blöd, als dass er sich schämen wollte!“

Da schämte sich die Eule, denn sie war wohl die Einzige auf der ganzen Welt, die wissen wollte, wie es ist, eine kleine Maus zu sein. Da verwandelte sie sich für einen kurzen Moment in eine winzige weiße Mausedame mit einem zu großen Hut, der etwas albern aussah. Ihr Kopf wurde langsam rot und als sie ihn mit ihren Pfötchen verdecken wollte, fing er erst recht an zu leuchten. Da nahm sie schließlich ihren Hut und zog ihn über ihr ganzes Gesicht, damit sie niemand mehr sehen konnte.

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„Was für eine sonderbare Erfahrung!“ sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte ein paar rote Federn in ihrem Gesicht, die vorher noch nicht da waren.

Auch am nächsten Tag kam das Wiesel vorbeigerannt.
„Wiesel! Wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor der Wut!“
„Wut? Was ist denn das?“
„Wenn dich die Wut packt, wirst zu einem rasenden Tiger, der nicht mehr Herr über seine Sinne ist!“

Da wurde die Eule wütend, dass die Wut nur das Wiesel jagte und nicht sie. Denn sie wollte auch wissen, wie es ist, ein Tiger zu sein. Da verwandelte sie sich einen Augenblick lang in eine riesige gestreifte Raubkatze, die zunächst mit dampfendem Atem schnaubte, dann ohrenbetäubend brüllte und schließlich wild um sich schlug, dass man meinte, das Tier würde explodieren.

„Wie seltsam!“, sagte die junge Eule, zupfte ihr Gefieder zurecht und entdeckte einige orangene Federn an ihrer Brust.

Am darauffolgenden Tag kam das Wiesel wieder angerannt.
„Was ist es heute, Wiesel? Wovor flüchtest du?“
„Vor der Angst!“
„Angst? Was ist das?“
„Wenn dich die Angst gefangen hat – das ist das Schlimmste! Dann wirst du zu einem elenden Häufchen, das gar nichts mehr kann!“

Da bekam die Eule Angst, dass die Angst auch einmal sie ergreifen könnte. Da verwandelte sie sich für eine winzige Ewigkeit in einen Haufen aus totem Espenlaub. Die graugrünen Blätter zitterten und raschelten, als der Wind sie zart berührte. Der Laubhaufen versuchte sich zu verstecken, damit ihn niemand mehr anfassen konnte, doch er war wie gelähmt und kam nicht von der Stelle. Da bat er den Wind stärker zu blasen, damit er ihn an einen besseren Ort trug. Der Wind nahm in den Wolken Anlauf, und mit einem gewaltigen Donner raste er blitzschnell in das Laub, sodass die einzelnen Blätter wild umherflogen und sich im Nichts auflösten.

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„Sonderbar, wirklich äußerst sonderbar!“, murmelte die junge Eule mit großen Augen, zupfte ihr Gefieder zurecht und sah, dass ihre Schwanzfedern grün waren.

Und wieder rannte das Wiesel am Baum vorbei, an diesem Tag jedoch viel schneller als sonst.
„Sportlich, sportlich!“, sagte die junge Eule und lachte.
„Ja! Heute renne ich aber nicht weg! Heute renne ich dem Glück hinterher!“, rief das Wiesel mit einem Grinsen im Gesicht.
„Glück? Was soll das denn sein?“, fragte die Eule.
„Wenn du das Glück schnappst, dann hast du dein Ziel erreicht! Dann wirst du endlich zu dem werden, was du schon immer sein wolltest!“, rief das Wiesel, doch man hörte es kaum noch, als es hinter den Bäumen verschwand. Es war wirklich in großer Eile.

„Das verstehe ich nicht.“, sagte die Eule. „Ich bin doch immer, was ich sein will.“ Da flog sie davon und machte sich auf die Reise in ein fremdes Land, in dem die Sonne immer schien und die buntesten Tiere lebten.

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* * *

Natürlich kam auch noch am folgenden Tag das Wiesel vorbeigerannt.
„Hallo Wiesel“, sagte ich „wovor rennst du denn heute weg?“
„Vor dem Ende!“ antwortete das Wiesel.
„Ende? Was ist das?“, fragte ich.
„Na das, wo alles aufhört! Das, wo die Geschichte nicht mehr weitergeht!“
„Ach Wieselchen! Das Ende war doch schon von Anfang an hier. Du denkst wirklich, du kannst davor wegrennen? Ich sag‘ dir was: Genau deshalb rennst du darauf zu!“

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Doch das Wiesel war nicht schlau genug, um es je zu verstehen.

J.

 

Es war einmal ein Feld, das war so groß, dass man gar nicht sagen konnte, wie groß es war. Egal in welche Richtung man schaute, man sah immer nur den endlosen Horizont. Eines Tages kam ein Mann und errichtete auf dem Feld ein Haus. Erst den Boden, dann die Außenwände mit Türen und Fenstern und dann das Dach. Danach malte er es von außen und von innen weiß an und ging weg, um seine schwangere Frau zu holen. Das Haus wachte in der Zwischenzeit zum ersten Mal auf und wunderte sich: „Nanu? Wer bin denn ich?“ Das Haus war ja ganz frisch und wusste deshalb noch nicht, wer oder was es war. Und es grübelte eine gute Weile darüber nach, bis der Mann mit seiner Frau zurückkam und zu ihr sagte: „Das ist das Haus für unser Kind, das bald auf die Welt kommt!“ Da sagte sich das Haus: „Ach ja! So ist das! Ich bin ein Haus… Ein Haus für ein Kind!“ Die Frau sagte zum Mann: „Lass uns noch viele Wände im Haus hochziehen, damit wir mehrere kleine Zimmer haben für unsere vielen Dinge und Bedürfnisse.“ Da teilte der Mann das Haus in viele kleine Räume auf.

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Das endlose Feld, auf dem das Haus stand, war erstaunt über das Haus und sagte: „Wer bist du?“ und schaute durch die Fenster ins Innere hinein. Das Haus sagte zum Feld: „Ich bin ein Haus für ein Kind. Siehst du den Kleinen? Es malt gerade Bilder an die Wände der Räume. Manche Bilder sind schön, dann sagt seine Mutter: gut gemacht! Andere Bilder sind lieblos und diese versucht die Mutter wegzuwischen, doch die Farbe geht nicht weg. Und der Vater sagt zum Kind: Du wirst einmal ein großer Künstler! und dann lacht er.“ Von nun an sagte das weite Feld nichts mehr und beobachtete das ganze Geschehen nur noch.

Die Jahre vergingen und das kleine Kind wurde zu einem großen Jungen. Oft hörte man laute Schreie des Protests im Haus und es gab viel Streit. Eines nachts malte er die Wände einiger Räume schwarz und grau an, lehnte sich gegen seine Eltern auf und hasste das Haus. Er fühlte sich nämlich nicht mehr ganz so wohl in diesem Gebäude, das seine Eltern nur für ihn gebaut hatten. Und er räumte sein Zimmer nicht mehr auf, obwohl seine Mutter ihn immer wieder darum bat.

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Es vergingen noch mehr Jahre und aus dem Jungen wurde ein Erwachsener. Mittlerweile hatte er sich mit seinen Eltern wieder versöhnt. Und da seine Eltern nun endlich im Frieden mit ihm waren, konnten sie in Ruhe sterben. Was blieb, waren ihre Zimmer. Der junge Mann beschloss, ein paar Wände einzureißen, um die Räume miteinander zu verbinden. Und die großen Räume, die langsam entstanden, gefielen ihm so sehr, dass er beschloss, nur noch die Außenwände des Hauses stehen zu lassen. Dann hing er die Bilder auf, die er sein Leben lang im Haus gemalt hatte und eröffnete eine Galerie, damit man ihn als großen Künstler anerkannte.

Er wartete, doch niemand kam zur Eröffnung der Galerie, denn es waren ja alles nur gewöhnliche Bilder von einem Kind oder einem jungen Erwachsenen, die keinen interessierten. Da beschloss der Mann weiter zu arbeiten und schönere Bilder zu malen. Als erstes baute er jedoch größere Fenster in die Wände des Hauses. Auch in das Dach setzte er ein riesiges Dachfenster, damit mehr Licht ins Innere fiel. Durch diese Verbesserungen wurden seine Bilder tatsächlich schöner. Doch er war noch immer nicht ganz zufrieden und so sagte er sich eines Tages: „In diesem Haus kann ich nicht mehr arbeiten, es ist zu eng und es ist zu wenig Licht hier. Ich werde es abreißen.“ Das Haus hörte das und erschrak. „Warte!“ sagte es mit zittriger Stimme, „wenn du mich zerstörst, wirst du keinen Ort mehr haben, um Auszuruhen. Der Regen wird dich durchnässen und deine ganzen Werke werden vom Wind fortgetragen!“ Der Mann wunderte sich ein wenig, dass das Haus sprechen konnte. Er sagte voller Mitgefühl: „Du hast Recht! Hab keine Angst, ich werde dich nicht abreißen. Aber ich habe eine andere Idee!“ Er ersetzte alle Türen durch Glastüren und auch die massiven Wände seines Hauses tauschte er mit Wänden aus klarem Glas. Sogar vom Dach nahm er die dunklen Ziegel und baute durchsichtige Glasziegel ein, so dass das Haus am Ende nur noch aus Glas bestand. Nun kam von jeder Seite Licht ins Innere und man konnte von jeder Stelle hinein- und hinaussehen. Das Haus war entzückt und überglücklich, sich in so einem wunderbar leichten und neuen Gewand wiederzufinden.

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Und das endlose Feld, das all die Jahre das Treiben in völliger Stille betrachtete, sah durch das Haus hindurch und sah sich selbst – mal fein spiegelnd, mal brechend wie ein Mosaik und ab und an ganz klar, als ob es durch magische Luft sah, die ihm die Sinne schärfte. Der Künstler erkannte, dass das endlose Feld sich selbst betrachtete und er staunte über diesen Anblick. Er sagte zum Haus: „Wundervoll, du bist mein Meisterwerk!“ Von diesem Tag an malte er nur noch Bilder aus Luft und Glas.

J.

Jonam (hebräisch: Geschenk von Gott)
Joonam (persisch: Mein Leben)


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Es war an einem regnerischen Frühlingstag, als die Leute Jonam fanden. Sie nahmen ihn mit ins Haus und steckten ihn in einen Käfig aus glänzenden Eisenstangen. „Jetzt bist du in Sicherheit, kleiner Vogel!“ Jonam war erleichtert, dass die Leute sich um ihn kümmerten.

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So vergingen die Tage und Jonam gewöhnte sich an den Käfig. Wenn draußen die Sonne schien und die bunten Schmetterlinge am Fenster vorbeiflogen,sehnte er sich manchmal danach, wieder draußen zu sein. An regnerischen Tagen war er jedoch sehr froh, dass sein neues Zuhause ihn vor dem Unwetter beschützte. Denn Jonam hatte große Angst vor dem Regen und dem Gewitter. Und je mehr es draußen stürmte, desto mehr Angst hatte er.

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Jonam wuchs und wurde immer kräftiger. Bald war er so groß, dass er den ganzen Käfig ausfüllte. Nun wurde es richtig eng für ihn. Also streckte er seinen Hals und schob seinen Kopf durch die Gitterstäbe. Bald folgten auch die Flügel und seine Füße. An einem besonders schönen Sommertag beschloss Jonam aus dem Haus zu gehen. Also so was! Damit hatte keiner gerechnet.

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Die Leute in der Stadt machten große Augen. „Aber Jonam! Wie siehst denn aus!“ riefen sie und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Jonam verstand die Welt nicht mehr. „Ihr habt mich doch in den Käfig gesteckt! Und jetzt lacht ihr mich aus?“ Da ging er wieder schnell nach Hause.

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An sonnigen Tagen schaute Jonam aus dem Fenster und beobachtete die Schwalben. Dann sagte er immer:

Ach, wie muss das schön sein – da oben!
Dem Himmel so nah!

An verregneten Tagen schloss er das Fenster, verkroch sich zitternd unter seine Bettdecke und wartete bis das Wetter besser wurde. Nachts, wenn der Himmel sternenklar war und alle in der Stadt schliefen, machte er seine Flugübungen auf der Straße. Die Leute lachten ihn inzwischen nicht mehr wegen seines Käfigs aus, den er wie ein Kleidungsstück trug. „Aber vielleicht lachen sie wieder, wenn sie sehen, wie ich auf den Schnabel falle“, dachte er. Deshalb übte er nur in der Dunkelheit, wo ihn keiner sehen konnte. Doch alle seine Flugversuche blieben erfolglos, denn das Metall des Käfigs war viel zu schwer. Und außerdem fliegt es sich im Dunkeln nicht besonders gut (wenn man nicht gerade eine Fledermaus ist).

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Viele Jahre vergingen und Jonam wurde immer grauer und schwächer, so dass er seine nächtlichen Flugübungen schließlich aufgab. „Alter Jonam, warum bist du so traurig?“ fragte das kleine Nachbarsmädchen an einem sonnigen Herbstnachmittag. „Dieser verdammte Käfig ist daran schuld! Mein größter Wunsch war es zu fliegen, damit ich dem Himmel so nah sein kann. Doch dieser Käfig! Er hat mich nicht gelassen!“ Er berührte die Eisenstangen und eine Träne kullerte über seine Wangen. Als das Mädchen das sah, musste sie daran denken, wie traurig sie einmal gewesen ist, als ihre Katze nicht mehr vom Baum runter konnte. „Geh doch zum Feuerwehrmann!“, rief sie plötzlich „Der kann Leuten aus der Patsche helfen!“ Und sie gab Jonam ein Taschentuch.

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„Hallo, Feuerwehrmann!“ sagte Jonam, „kannst du mir helfen? Dieser Käfig muss weg!“ Der Feuerwehrmann trug immerzu einen Helm, weil er Angst hatte, ein großer Ziegelstein könnte ihm auf den Kopf fallen. „Ich bin ein Mann von Tat und helfe immer gern.“ sagte er und packte den Bolzenschneider und die große Metallsäge aus seinem Koffer. Jonam erschrak. „Ich glaube, das ist keine gute Idee.“ sagte er, „ Damit wirst du mich doch sicher verletzen! hast du denn kein feineres Werkzeug?“ „Leider nicht, aber geh‘ doch mal zur Frau Doktor, die hat so etwas!“ sagte der Feuerwehrmann. Jonam fand, dass das eine gute Idee war und bedankte sich.

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„Hallo Frau Doktor!“ sagte Jonam, „kannst du mir helfen? Dieser Käfig muss weg!“ Frau Doktor trug immerzu Gummihandschuhe, damit niemand sie mit einer bösen Krankheit anstecken konnte. „Ich habe viel Erfahrung mit komplizierten Operationen und mein Spezialwerkzeug hat schon viele Probleme gelöst!“ sagte sie und setzte ihr Skalpell an, um die Gitterstäbe durchzuschneiden. Aber es klappte nicht und hinter der dicken Brille wurden ihre Augen zu kleinen Schlitzen. „Ich glaube, dein Käfig ist viel zu hart ist für meine Messer. Es tut mir leid, aber in deinem Fall ist guter Rat teuer!“ Jonam bedankte sich höflich und ging.

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Auf dem Weg nach Hause kam er an einem jungen Straßenmusiker vorbei, der auf einer kleinen Flöte spielte. Jonam blieb stehen und hörte sich das Lied bis zum Schluss an. Das freute den Musiker, denn die meisten Leute hatten keine Zeit dafür. Jonam fragte ihn: „Wo hast du gelernt so schön zu spielen?“ Der Flötenspieler sagte: „Es war mein größter Wunsch, Musik zu machen, die das Herz berührt. Ich suchte unentwegt nach jemandem, der sie mir beibringen könnte. Und dort oben auf dem Berg habe ich meinen Lehrer schließlich gefunden!“ „Mein größter Wunsch war es, dass mein Käfig verschwindet. Denn er hat meinen Traum zerstört, dem Himmel so nah zu sein!“ sagte Jonam, der alle Hoffnung verloren hatte. Der Musiker überlegte nicht lang. „Geh auf den Berg! Dort gehen Wünsche in Erfüllung! Aber du musst jetzt gehen! Später wird es zu spät sein!“ Jonam blickte in den Horizont und sah den Berg. Ein neues wunderbares Lied erklang aus der Flöte. Da fasste Jonam neuen Mut und machte sich sofort auf den Weg.

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Eine Stunde nachdem Jonam aufgebrochen war, zogen dunkle Wolken auf. Er fing an, sich Sorgen zu machen, dass es anfangen würde zu Regnen. Obwohl er schon so alt war, war Seine Furcht vor Unwettern immer noch sehr groß. Er überlegte zurückzugehen und sein Glück ein anderes mal zu probieren. Da erinnerte er sich an die Worte des Flötenspielers. Jetzt oder nie! Später wird es zu spät sein! Die Wanderung dauerte sehr lange und der Himmel wurde immer dunkler. Als es zu tröpfeln begann musste Jonam seinen ganzen restlichen Mut zusammenkratzen. Der Gipfel war schon zum Greifen nah. Es fing an zu gießen. Nur noch ein paar Schritte…

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Jonam war an der Spitze angekommen. Erschöpft und völlig durchnässt sah er sich um. Er schaute nach Osten und nach Westen. Er schaute nach Norden und nach Süden. Er schaute nach oben und schließlich auf den Boden auf dem er stand. „Aber hier ist ja nichts! Gar Nichts!!!“ schrie er und viel auf die Knie. Da donnerte es. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Jonam heulte und wimmerte: “Ohje, jetzt ist es aus mit mir!“ So allein und verlassen hatte er sich sein ganzes Leben nicht gefühlt.

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Da machte es Knicks! und Knacks! Die Stangen des Käfigs färbten sich rostbraun. Sie wurden rau und bröselig. Sie zerfielen in kleine Teile, und ehe sich Jonam versah, waren vom Käfig nur noch tausend winzige Krümel übrig, die allmählich wie schmelzende Schokolade im Boden verschwanden.

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Jetzt verstand Jonam die Welt wirklich nicht mehr! Er sagte: „Als ich noch klein war, hab ich mich im Käfig sicher gefühlt, ganz besonders als es draußen stürmte und tobte. Doch heute… Heute ist der Regen mein Freund! Er hat mich von diesem seltsamen Gefängnis befreit!“ Jonam lachte und tanzte mit den Tropfen, die vom Himmel fielen. Er streckte seinen geöffneten Schnabel in die Höhe, um die Tropfen zu fangen, doch diese lachten auch, flogen wie ein wildes Feuer um ihn herum und spielten mit ihm.

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Jonam war nicht mehr wütend auf den Käfig. Vielleicht würde er das Fliegen nun doch noch lernen. Vielleicht aber auch nicht. Jonam lächelte. Ihm war das eins. Denn schließlich war auf dem Berg sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen:

Er war dem Himmel so nah.

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J.